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Vertrauen, Bindung und Zugehörigkeit – Familie ist mehr als Blutsverwandschaft

Die liebe Familie

Familie ist mehr als Blutsverwandtschaft – sie ist eine Schicksalsgemeinschaft. Laut Professorin Pasqualina Perrig-Chiello lebt das wahre Familienleben in Orten, wo Vertrauen wächst, Geborgenheit spürt wird und echte Zugehörigkeit entsteht. Ob mit oder ohne gemeinsame Gene: Die tiefste Verbindung ergibt sich durch Momente, in denen wir füreinander da sind, uns unterstützen und gemeinsam durchs Leben gehen.


Familie – Strukturen ändern sich, Bedeutung bleibt

«Entscheidender als Blutsverwandtschaft sind Vertrauen, Bindung und Zugehörigkeit»

Pasqualina Perrig-Chiello

Prof. Pasqualina Perrig-Chiello beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklungspsychologie der Familie. Sie ist überzeugt: Familienstrukturen wandeln sich, aber die psychologische Bedeutung von Familie bleibt unverändert.

Frau Perrig-Chiello, wie definieren Sie Familie? Muss sie aus Verwandten bestehen oder kann sie anders entstehen?

Familie ist für mich eine Schicksalsgemeinschaft, in die wir hineingeboren werden. Wir können sie nicht wählen, und doch prägt sie uns tief – unabhängig von unserer genetischen Ausstattung. In ihr lernen wir, was richtig und falsch ist, was Liebe und Vertrauen bedeutet und wie Zugehörigkeit funktioniert. Heute aber ist Familie viel diverser geworden: monoparentale Familien, Patchwork-, Regenbogen- oder Wahlfamilien sind Realität. Entscheidend ist nicht die Blutsverwandtschaft, sondern Vertrauen, Bindung und Zugehörigkeit – das ist das Fundament der Familie.

Warum ist Familie so wichtig für uns?

Familie gibt uns bedingungslose Zugehörigkeit, Vertrauen und emotionale Sicherheit – egal wie sehr sich Strukturen wandeln. Sie vermittelt Werte, bindet uns an andere, schützt und unterstützt uns ein Leben lang. Besonders prägt sie unsere Identität und unsere Fähigkeit, stabile Beziehungen zu führen. Wer geborgen aufwächst und starke Bindungen erlebt, hat im Erwachsenenalter nachweislich bessere Gesundheit und Wohlbefinden sowie ein höheres Mass an Lebenszufriedenheit. Diese Kernfunktion – Verlässlichkeit, Gegenseitigkeit, Solidarität – bleibt trotz des gesellschaftlichen Wandels unverändert bestehen.

Wie stark prägt uns die Ursprungsfamilie? Können wir uns von ihr lösen?

Die Familie prägt uns unvermeidlich – sie gibt die ersten Bindungs- und Werthaltungen vor. Doch wir sind kein Spielball dieser frühen Erfahrungen. Wer sich seiner Muster bewusst wird, kann sie verändern – mit Unterstützung, in Beziehungen, durch Reflexion. Es ist also beides wahr: Die Familie prägt – aber sie determiniert nicht.

Welche Erwartungen haben wir an die Familie?

Die Erwartungen an die Familie sind heute hoch: Sie soll Geborgenheit, emotionale Unterstützung, Fürsorge und Solidarität bieten, die Erziehung und Wertevermittlung übernehmen, Krisen abfangen und gleichzeitig individuelle Freiheit und Selbstverwirklichung ermöglichen. Aufgrund kleinerer Strukturen können diese hohen Anforderungen oft nicht mehr allein durch die klassische Kernfamilie erfüllt werden – deshalb gewinnen Wahlverwandtschaften an Bedeutung. Insgesamt gibt es einen deutlichen Widerspruch zwischen gesellschaftlich-politischer Anerkennung und tatsächlichen Erwartungen: Die Familie soll vieles leisten, bekommt dafür aber wenig gesellschaftliche Unterstützung und rechtliche Anerkennung – besonders, wenn es um nicht traditionelle Familienformen geht.

Welches Gewicht hat in unserer Kultur die Familie?

Das Gewicht der Familie ist in der Schweizer Kultur generell hoch, unterscheidet sich aber deutlich zwischen den Regionen. Im Tessin steht das traditionelle Familienbild im Vordergrund: Zum Beispiel werden Angehörige möglichst lange zu Hause betreut, und familiäre Solidarität ist zentral – die Familie übernimmt viel Pflegearbeit, was kulturell erwartet und gelebt wird. In der Romandie liegt die Familienorientierung zwischen Tradition und moderner Distanz – hier ist gegenseitige Unterstützung ausgeprägt, aber auch externe Lösungen wie Tagesstätten sind verbreitet. Die Deutschschweiz hingegen tendiert stärker zu institutionellen Betreuungsformen, etwa Alters- und Pflegeheimen, und setzt mehr auf individuelle Selbstverantwortung.

Wie hat sich die Familie im Verlaufe der Zeit gewandelt? Wie wird sie sich weiter verändern?

Die Familie ist divers geworden: Neben klassischen Kernfamilien gibt es heute viele neue Formen. Der gesellschaftliche Zwang zur Familiengründung hat abgenommen, was uns die bewusste Entscheidung ermöglicht, ob und wie wir Familie leben wollen. Formal sinkt die Zahl der Eheschliessungen, und eine gewisse Unverbindlichkeit nimmt zu. Auch wollen immer mehr Menschen bewusst keine Familie gründen. Parallel dazu wächst ein Trend zur Retraditionalisierung, bei dem Familien mit vielen Kindern und traditionellen Rollenbildern als Antwort auf das
Bedürfnis nach Sicherheit und Verbindlichkeit entstehen. Die Familie wird sich weiterhin unter neuen Bedingungen immer wieder neu erfinden, die psychologische Bedeutung wird sie dabei aber nie verlieren – denn Menschen brauchen sichere Bindungen.

Vielen Dank, liebe Frau Perrig-Chiello, für das aufschlussreiche Gespräch und Ihre wertvollen Einblicke in das Thema Familie!


Wie definiert ihr Familie?

Dieser Text ist erstmals als Titelgeschichte im Magazin active & live erschienen. Weitere spannende Beiträge könnt ihr in der Rubrik Herzgeschichten active & live oder gleich nachfolgend lesen:

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