
Tintis – Halt und Geborgenheit für Frühgeborene
Seit 2017 leitet Michaela Schönauer als Präsidentin den Verein Oktopus für Frühchen – Schweiz. Ihre Mission: Babys, die einen viel zu frühen Start ins Leben bewältigen müssen, mit handgemachten Tintenfischen zu beschenken – für Geborgenheit und Trost in der sensiblen Phase nach der Geburt.
Von Amigurumi zu Oktopussen
«Immer wenn im Fernsehen ein Beitrag aus einer Neonatologie läuft, schauen wir ganz genau hin – in der Hoffnung, einen unserer ‘Tintis’ zu entdecken», sagt Michaela Schönauer und ihr Lächeln strahlt Freude und Stolz aus. «Wenn einer unserer Oktopusse in den Händen eines Babys zu sehen ist, berührt uns das sehr. Es macht spürbar, dass sich all unsere Arbeit und das Engagement unserer vielen freiwilligen Häklerinnen lohnen. Es ist immer wieder ein kleines Wunder zu sehen, was aus einem einfachen Garnknäuel durch die Hände einer freiwilligen Häklerin entstehen kann: Ein herziger Tintenfisch für winzige Babyfinger, die sich fest um die bunten Tentakel klammern.»


Michaela lebt mit ihrer Familie in Wynigen, im schönen Emmental. Seit dem Einzug in ihr eigenes Haus hat die leidenschaftliche Handwerkerin auch das Gärtnern für sich entdeckt – eine neue Beschäftigung, die ihr viel Freude und Ausgleich schenkt. Doch ihre Passion gilt dem Häkeln. Was zuerst ein Hobby war, entwickelte sich mehr und mehr zum Beruf und ermöglichte der zweifachen Mutter, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen.
«Vor ein paar Jahren habe ich angefangen, ‘Amigurumi’ -Tierchen zu häkeln – kleine Kuscheltiere, deren Name aus den japanischen Wörtern für ‘häkeln oder stricken’ und ‘einhüllen’ stammt», erzählt Michaela. Diese Figürchen waren damals eine Besonderheit in der Schweiz und die speziellen Sicherheitsaugen für die Tierchen schwer erhältlich. Diese Lücke erkannte Michaela als Chance. «Ich habe gemerkt, dass es dafür einen Bedarf gibt, und begann, die Amigurumi-Augen einzukaufen und weiterzuverkaufen. So entstand Heartdeco.ch, mein eigener Onlineshop für Handarbeitszubehör, mit dem ich mich selbstständig machte.»
Über den Shop und den regen Austausch in der Handarbeits-Community wurde Michaela Teil einer Häkel-Bubble, in der Gleichgesinnte ihre Begeisterung teilen und sich gegenseitig unterstützen. Dank dieser Gemeinschaft entdeckte sie das berührende Projekt «Oktopus für Frühchen». Die Idee stammt ursprünglich aus Dänemark und wurde von der Mutter eines Frühgeborenen ins Leben gerufen. Diese hatte bemerkt, dass ihr Baby im Inkubator ständig an den medizinischen Kabeln zog. Um dies zu verhindern, häkelte sie einen Tintenfisch, dessen Tentakel eine ähnliche Funktion erfüllen wie die Nabelschnur der Mutter. Babys haben generell einen starken Greifreflex, bei Frühgeborenen ist dieser noch ausgeprägter. Die Tentakel geben den Babys ein beruhigendes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit und wirken positiv auf ihre Vitalfunktionen.
Fasziniert von der Wirkung der kleinen Tintenfische wollte Michaela das Projekt in die Schweiz holen und hier etablieren. Zusammen mit anderen engagierten Frauen gründete sie den Verein «Oktopus für Frühchen – Schweiz».
Die Herausforderung des Handwerks
«Als Präsidentin koordiniere ich den Verein, halte den Kontakt zu den Spitälern und zu den Häklerinnen, organisiere die Qualitätskontrolle und achte darauf, dass unsere strengen Sicherheitsstandards eingehalten werden», beschreibt Michaela die vielen Vereinsaufgaben, die sie zusammen mit ihren Kolleginnen bewältigt. «Von Anfang an war für mich klar: Ich will nicht nur Präsidentin sein, sondern auch selbst mithäkeln.»
Das Rückgrat des Vereins bilden die zahlreichen Häklerinnen in der ganzen Schweiz, die dank ihrem Engagement das Projekt tragen. Auf der Webseite oktopusfuerfruehchen.ch sieht man über den sogenannten ‘Tinti-Zähler’, dass seit Vereinsgründung mehr als 35’000 Tintenfische gehäkelt wurden – von insgesamt rund 1’400 fleissigen Helferinnen. «Am Anfang haben wir noch nicht ganz so genau Buch geführt», erzählt Michaela schmunzelnd. «Aber was wir wissen: Jedes Jahr werden schweizweit mehr als 6’000 Tintis benötigt und … bis jetzt haben wir es immer gemeinsam geschafft, diese Nachfrage zu decken.»
Doch das Häkeln der Oktopusse ist kein einfaches Hobby. Anders als bei kuschelig-weichen Mützen oder Socken müssen die Tintis fest, dicht und haltbar gehäkelt werden, damit sie Klinik-Alltag und Waschgänge überstehen. «Als erfahrene Häklerin brauche ich rund eineinhalb Stunden pro Tintenfisch, ein Tentakel dauert zirka zehn bis fünfzehn Minuten. Wer weniger geübt ist, benötigt sicher doppelt so lange», erklärt Michaela. Die Technik ist anspruchsvoll, braucht Kraft in den Händen und viel Geduld – vor allem am Anfang. Eine ausführliche Anleitung steht auf der Vereinswebseite zur Verfügung. Die Sicherheitsanforderungen an die Tintis sind hoch, damit die Frühchen geschützt sind.


Sicherheit für die Kleinsten
Die Kontrolle der eingeschickten Oktopusse ist für Michaela und ihr Team – die alle ehrenamtlich arbeiten – mit grossem Aufwand verbunden. «Wir verdanken jeden Tinti und geben jeder Häklerin ein Feedback», betont Michaela. Trotzdem gehört das Aussortieren von Tintenfischen, die die Anforderungen nicht erfüllen können, zum Vereinsalltag dazu. Ungefähr ein Drittel der eingesendeten Tintis entspricht nicht den Standards, weil zum Beispiel Tentakel zu lang oder lose geraten sind, oder weil die Verarbeitung nicht ganz makellos ist.
«Es fällt uns nicht leicht, jemandem zu sagen, dass der Tintenfisch die geforderten Kriterien nicht erfüllt, schliesslich steckt in jedem Tinti viel Herzblut», sagt sie. «Aber unsere Verantwortung gilt den Babys, deshalb wollen wir immer die beste Qualität sicherstellen.» Michaela und ihr Team scheuen dafür keinen Aufwand und geben in solchen Fällen ein detailliertes Feedback – inklusive Verbesserungsvorschläge, damit es beim nächsten Mal klappt.
Dem Verein ist es sehr wichtig, auch für die aussortierten Tintenfische einen sinnvollen Einsatz zu finden. Sie erhalten ein zweites Leben in Altersheimen, Demenzstationen oder sozialen Einrichtungen im In- und Ausland. Auch dort bereiten sie Freude und können therapeutisch eingesetzt werden.
«Wir sind für das Engagement unserer Häklerinnen unendlich dankbar. Ohne ihre Energie und Leidenschaft wäre das alles nicht möglich.». Als Zeichen der Wertschätzung bekommen die fleissigsten Helferinnen zweimal im Jahr ein Dankespäckli gefüllt mit Garn, finanziert durch Material- oder Geldspenden an den Verein. «Auf diese Weise möchten wir ihnen etwas zurückgeben.»
Romantik versus Realität
Die Oktopusse, die die strenge Qualitätskontrolle bestehen, werden an zahlreiche Neonatologie-Stationen in der ganzen Schweiz verschickt. Dort übernehmen Klinikmitarbeitende die Verteilung an die neugeborenen Frühchen.
«Viele stellen sich vor, sie könnten ihren gehäkelten Oktopus persönlich einem Baby ins Bettchen legen», erzählt Michaela. «Doch dem ist leider nicht so. In jedem Spital gibt es eine verantwortliche Kontaktperson, die uns mitteilt, wenn wieder Tintis gebraucht werden. Wir senden dann die gewünschte Anzahl Oktopusse, die von den Mitarbeitenden an die Familien weitergegeben werden.» Ein persönlicher Austausch mit den Frühchen und ihren Angehörigen ist daher nicht möglich – aber die Verbindung findet auf einer anderen Ebene statt.
Auch ohne direkten Kontakt erreichen den Verein regelmässig herzliche Rückmeldungen von dankbaren Eltern und Pflegepersonal. Viele Eltern berichten, wie sehr der kleine Oktopus ihrem Kind dabei geholfen hat, zur Ruhe zu kommen und neue Kraft zu schöpfen. Auch die Pflegekräfte spüren den positiven Effekt auf das Wohlbefinden der kleinen Patienten und erleben, wie die Tintenfische den Familien Hoffnung und emotionale Unterstützung schenken.
Für Michaela sind solche Rückmeldungen sehr wertvoll. «Ich bekomme oft Nachrichten, die mich tief berühren. Erst kürzlich schrieb mir ein Vater, dass der geliebte Oktopus seines kleinen Sohnes verloren gegangen ist – und wie wichtig es der Familie wäre, genau diesen als Erinnerung zurückzubekommen. Wir haben sofort nach einem Foto gefragt und geschaut, ob wir einen ähnlichen Tintenfisch finden können. Solche Momente zeigen uns immer wieder, wie sehr unsere Arbeit zählt.»
Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft
So engagiert und erfolgreich das Projekt auch ist – es gibt Herausforderungen: Die Zahl der aktiven Häklerinnen nimmt ab, und es wird schwieriger, Nachfolgerinnen zu finden. Trotzdem bleibt Michaela zuversichtlich und macht weiter. Ihre Motivation und die des ganzen Teams ist stark – vor allem, weil die positive Wirkung der kleinen Tintenfische auch von fachlicher Seite attestiert wird. Diese Erkenntnisse zeigen, dass der Wert der liebevoll gefertigten Oktopusse mehr als nur ein nettes Hobby ist. Michaela ist überzeugt: Wenn diese Bedeutung noch breiter bekannt wird, werden sich wieder mehr Menschen angesprochen fühlen, das Projekt aktiv zu unterstützen – sei es durch Häkelarbeit, Spenden oder andere Formen von Engagement.
«Unser Ziel ist und bleibt, dass jedes Frühchen in der Schweiz einen eigenen Oktopus bekommt und nach Hause nehmen kann», sagt Michaela bestimmt. «Wir wollen weiterwachsen, noch mehr Menschen inspirieren und diese kleine Geste der Verbundenheit weitertragen.»
Dieser Text ist erstmals als Herzgeschichte im Magazin active & live erschienen.
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