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Familie im Wandel

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

«Doing Family» – so wird in der modernen Familienforschung die tägliche Kunst bezeichnet, Familie immer wieder neu zu leben, zu gestalten und im Gleichgewicht zu halten.

Familie – lebendiges Netz

Familie ist für mich ein lebendiges, wandelbares Netz aus Liebe und Nähe – aber auch aus Reibungen, Distanz und dem Mut, loszulassen. Als Mutter von zwei erwachsenen Söhnen in einer italo-schweizerischen Familie habe ich in den vergangenen zwanzig Jahren erlebt, wie sich unser Zusammenleben immer wieder neu geformt hat. Im Laufe der Zeit haben wir gelernt, immer wieder loszulassen, Neues anzunehmen und neu Vertrauen aufzubauen.

Familie bedeutet für mich, gemeinsam durch diese Prozesse zu gehen – mit all ihren Herausforderungen und Chancen. Unsere Familie war nie statisch, sondern hat sich immer wieder neu entwickelt – getragen von wechselnden Bedürfnissen und neuen Regeln. Als die Kinder klein waren, bestimmten feste Rituale unseren Alltag. Mit der Zeit wurde es immer wichtiger, den Kindern mehr Freiraum und Eigenständigkeit zu geben. Mit dem Älterwerden der Kinder kamen neue Fragen auf: Wie viel Freiheit kann ich ihnen geben? Wie viel Vertrauen braucht es – und wo müssen klare Grenzen gezogen werden? Gleichzeitig stellte sich die Frage: Wie viel Raum dürfen wir Eltern wieder für uns einnehmen? Und vor allem: Wie wird unser Familienleben aussehen, wenn die Kinder dereinst ausziehen?

Das Leben als binationale Familie war dabei eine spannende Herausforderung – verschiedene Werte, Bräuche, Sprachen und Gewohnheiten vereinen zu dürfen, hat uns oft gefordert, aber auch bereichert. Auch mein eigener Weg zwischen Beruf und Familie hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren stark gewandelt: von Teilzeitarbeit, als die Kinder klein waren, über die Zeit als Hausfrau, weil mir der Spagat zwischen Familie und Beruf zu viel wurde, bis hin zur Selbstständigkeit, mit der ich endlich die Flexibilität fand, die ich mir immer gewünscht habe.

Die «liebe Familie» ist für mich sowohl eine ewige Baustelle als auch ein Experimentierfeld, und deshalb empfinde ich das Konzept «Doing Family» als Schlüsselbegriff meines Alltags. Er beschreibt, wie Familie heute aktiv und bewusst gestaltet wird – oft jenseits starrer Strukturen und traditioneller Rollenbilder.

Von der Hausgemeinschaft zur Familie

Die Familie, wie wir sie heute verstehen, ist das Ergebnis eines langen Wandels. Im alten Rom bezeichnete «familia» die gesamte Hausgemeinschaft – nicht nur das Ehepaar und die Kinder, sondern auch Knechte, Mägde und Tagelöhner. Die Aufgabenverteilung war vielfältig: Frauen kümmerten sich nicht nur um den Haushalt, sondern arbeiteten auch auf dem Feld, in der Tierhaltung und in der Textilherstellung. Männer halfen im Haushalt mit, kochten, trugen Holz und sorgten sich um die Kinder. Mit der Industrialisierung setzte sich das Ideal der bürgerlichen Kleinfamilie durch: Der Vater verdiente das Geld, die Mutter blieb zu Hause und kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Das Ehepaar arbeitete nicht mehr zusammen. Diese «Hausfrauisierung» führte dazu, dass Frauen weitgehend aus dem wirtschaftlichen Leben ausschieden. Mädchen besuchten Haushaltsschulen, um auf ihre Rolle als Ehefrauen und Mütter vorbereitet zu werden. Nur in unteren sozialen Schichten arbeiteten Frauen oft zusätzlich als Nebenverdienerinnen.

Wandel von Rollenbildern und Familienmodellen

Nach dem Zweiten Weltkrieg prägten klare Rollenmuster das Familienbild: Männer als Ernährer, Frauen als Mütter und Hausfrauen. Eine Erwerbstätigkeit von Frauen diente meist nur als Übergang vor der Heirat. Die Familie galt als natürlicher Wirkungskreis der Frau. Mütter, die berufstätig waren, wurden oft als «Rabenmütter» kritisiert, deren Kinder als «Schlüsselkinder» bemitleidet. Erst mit den gesellschaftlichen Umbrüchen der 1960/70er-Jahre veränderte sich das Rollenverständnis grundlegend. Die Frauenbewegung und neue Bildungswege führten dazu, dass Frauen vermehrt ins Erwerbsleben eintraten und Männer mehr Verantwortung im Haushalt und bei der Kindererziehung übernahmen. Alternative Lebensformen – nicht eheliche Partnerschaften, Alleinerziehende oder bewusste Kinderlosigkeit – wurden gesellschaftlich akzeptiert und sind heute weit verbreitet. Familie wird seit den 1980er-Jahren zunehmend als flexibles, individuell gestaltbares Modell verstanden.

Familie machen

«Doing Family» bedeutet, dass Familie kein festes Konstrukt ist, sondern immer wieder neu geschaffen und gestaltet wird – Familie ist ein tägliches gemeinsames Tun. Dabei geht es darum, wie wir miteinander leben, uns gegenseitig unterstützen und immer wieder neu zusammenfinden. Elternschaft ist heute nicht mehr zwangsläufig an eine Paarbeziehung gebunden, und es spielt kaum noch eine Rolle, ob Kinder ehelich oder unehelich geboren werden. Familien können sich über verschiedene Haushalte erstrecken und sich wie ein Netzwerk aus Menschen formen, die Verantwortung füreinander übernehmen – ob Nachbarn, Freunde oder Co-Eltern. In der Schweiz ist die klassische Kernfamilie mit verheiratetem Paar und Kindern nur noch eine von vielen Lebensrealitäten. Zahlreiche Kinder wachsen in Einelternfamilien auf, Regenbogenfamilien erfahren zunehmend Anerkennung, und das Zusammenleben ohne Trauschein ist verbreiteter denn je. Zugleich zeigt sich auch eine Gegenbewegung: Viele sehnen sich nach stabileren, traditionelleren Familienbildern als Anker für Sicherheit und Kontinuität. Für mich bleibt das Herzstück der Familie eine sichere Bindung, die Vertrauen gibt und das Gefühl von «Zuhause » schafft – ein Wert, der über gesellschaftliche Strukturen und Moden hinaus bestehen bleibt.

Dieser Text ist erstmals als Titelgeschichte im Magazin active & live erschienen.

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