
Facettenreiche Familiengeschichten
Zwischen Pflegefamilien, Loslassen, dem Leben zwischen zwei Kulturen und neuen Familienmodellen zeigen diese Geschichten, wie facettenreich Familie ist, sie aber immer von Liebe und Zusammenhalt getragen wird.
Familie in guten wie in schweren Zeiten

Giuseppe Cutroneo, Schauspieler und Vater von drei Kindern, wurde in Italien geboren und lebt heute in Zürich. Er teilt seine bewegende Geschichte darüber, wie die Scheidung von seiner Frau und der Verlust seines Vaters sein Verständnis von Familie tief verändert haben.
«Familie war für mich immer das Herzstück meines Lebens. In Italien lebt man für die Familie – sie gibt Halt, Identität und Liebe. Als ich in die Schweiz kam, merkte ich schnell, wie sich Familien da anders anfühlen – doch meine Schutzinstinkte meinen Kindern gegenüber blieben unverändert stark. Wir waren sehr jung und vielleicht etwas naiv, als wir unseren gemeinsamen Weg begannen. Bald haben wir uns auseinandergelebt. Im beiderseitigen Einvernehmen haben wir uns zur Scheidung entschlossen – nicht aus Hass oder Streit, sondern weil wir beide gespürt haben, dass unsere Wege sich trennen mussten. Plötzlich wurden all die Vorstellungen von Familie, die ich bis dahin hatte, infrage gestellt. Was bleibt von Familie übrig, wenn das gemeinsame Leben aufgelöst wird? Etwas später starb mein Vater. Das hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Mit seinem Tod verlor ich nicht nur einen geliebten Menschen, sondern eine wichtige Säule meiner eigenen Familiengeschichte. Es war, als hätte ich ein Stück von mir selbst verloren. Fragen tauchten auf: Was heisst es, Vater zu sein, wenn der eigene Vater nicht mehr da ist? Der vertraute Fels, das Vorbild, jene feste Stütze und der Rat Gebende – sie fehlen mir schmerzlich. Und plötzlich stehe ich selbst in der Rolle, zu der die Kinder aufschauen, nach Antworten und Halt suchen. Wie kann ich meinen Kindern Kraft schenken und Zuversicht vermitteln, wenn ich mich selbst verloren fühle? Diese beiden Ereignisse haben meine Sicht auf Familie stark verändert. Familie ist für mich keine Festung mehr, sondern etwas, das sich immer wieder verändert. Auch wenn es Schwierigkeiten gibt, hält Liebe alles zusammen. Ich habe gelernt, Familie neu zu verstehen – als eine gemeinsame Geschichte, die man trotz Trennung und Verluste weiterführt. Mein Vater hat mir vorgelebt, was Familie bedeutet: Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit. Diese Werte trage ich weiter in mir und ich versuche, sie meinen Kindern zu vermitteln. Heute fühle ich mich intensiver mit meinen Kindern verbunden als je zuvor. Diese kostbare gemeinsame Zeit möchte ich in vollen Zügen geniessen. Ich habe gelernt, dass Familie vor allem eines ist: Liebe, die nicht nur in guten Zeiten besteht, sondern gerade in den schwierigen Momenten wächst und uns zusammenhält.»
Familie als Zufluchtsort

Corina Zimmermann, Mutter eines Sohnes, Pflegemutter, Erzieherin und Familiencoach, unterstützt als
Entlastungsfamilie einen unbegleiteten Jugendlichen und lebt die Werte von Liebe und Vertrauen, die für sie Familie
ausmachen – unabhängig einer Blutsverwandtschaft.
«Den Gedanken, Pflegefamilie zu werden, hatten wir bereits vor einigen Jahren. Für uns war klar, dass wir kein zweites, leibliches Kind möchten, dafür aber einem anderen die Chance geben wollen, in einem sicheren und liebenden Umfeld aufzuwachsen. Dann kam es jedoch zur Trennung von uns Eltern. Die Pflegefamilien-Pläne wurden damit auf Eis gelegt. Ein Jahr nach dem Auszug meines Exmannes zog meine 16-jährige Nichte für ein paar Wochen bei mir und meinem Sohn ein. Es war eine herausfordernde Zeit. Ein Teenie, das erste Mal so lange und weit weg von zu Hause, und ein Kind, das gerade mit dem Kindergarten begann. Trotz allem fühlte es sich richtig an. Unsere kleine Familie war komplett. Nach ihrer Rückkehr zu ihren Eltern fühlte sich unsere grosse Wohnung leer an. Es fehlte etwas. Auch mein Sohn äusserte öfters den Wunsch, dass er gerne wieder so etwas wie ein Geschwister hätte. Also nahm ich Kontakt zu einer Pflegefamilienorganisation auf. Wir bewarben uns als Entlastungsfamilie. Unsere Vorstellung war sehr klar: zwei Wochenenden im Monat, vorzugsweise für einen Teenager. Die Organisation hat mir von Anfang an zu verstehen gegeben, dass das eher schwierig wird, doch wir hielten an unserer Idee fest. Vor ein paar Monaten kam dann die Anfrage: Ein Teenager, unbegleitet in die Schweiz gekommen, wünschte sich Familienanschluss. Es schien perfekt. Und das ist es auch. Seit dem Sommer ist unser Teenie regelmässig bei uns. Die beiden Jungs verstanden sich sofort und verhalten sich oft wie richtige Geschwister. Es wird gelacht, geredet, gespielt und gestritten. Neben Grundwerten wie Liebe, Respekt, Akzeptanz und Vertrauen ist es mir als Pflegemutter besonders wichtig, dem Kind einen Zufluchtsort zu bieten. Einen, an den es immer wieder zurückkommen darf, auch wenn irgendwann vielleicht kein Pflegevertrag mehr besteht. Denn das bedeutet für mich Familie: jemanden willkommen heissen ohne Erwartungen, ohne Verpflichtungen. In jeder Lebenslage. Unabhängig davon, ob blutsverwandt oder im Herzen verbunden. Und das ist etwas, das ich sowohl meinem eigenen Kind als auch meinem Pflegekind (und allen, die noch folgen mögen) auf den Weg geben möchte.»
Familie in zwei Kulturen

Adelina Tunaj, Mutter von zwei schulpflichtigen Kindern, stammt aus dem Kosovo und lebt heute in der Schweiz. Sie erzählt, wie das Leben zwischen zwei Kulturen und die damit verbundenen Herausforderungen und Bereicherungen ihr Verständnis von Familie prägen.
«Für mich war Familie im Kosovo immer das Wichtigste. Mein Vater ging arbeiten, meine Mutter kümmerte sich um uns Kinder. Das schätzte ich sehr, weil sie viel Zeit für uns hatte. Heute, hier in der Schweiz, ist das anders – viele Mütter müssen ebenfalls arbeiten, und oft bleibt weniger Zeit für die Kinder. Ehrlichkeit, Mitgefühl und die Bereitschaft, anderen zu helfen, sind Grundpfeiler meines Familienbildes. Ich halte mein Wort und lebe diese Werte im Alltag – sie begleiten mich auf meinem Weg. Diese Haltung möchte ich auch an meine Kinder weitergeben, damit sie zu Menschen heranwachsen, die mit Respekt und Menschlichkeit durchs Leben gehen. Seit ich in der Schweiz lebe und selbst Mutter bin, habe ich Familie noch intensiver erlebt und geschätzt. Im Kosovo lebt die Grossfamilie eng zusammen und unterstützt sich im Alltag, während hier mehr die Kernfamilie im Fokus steht, was mehr Freiraum, aber auch grössere Eigenverantwortung bedeutet. Ich nehme von beiden Kulturen das Beste mit. Manchmal sind die Unterschiede auch eine Herausforderung, doch am Ende bringt mir das Leben zwischen zwei Kulturen viel Bereicherung. Meine Herkunft ist ein wichtiger Teil meiner Identität. Der Respekt vor der eigenen Kultur öffnet auch den Blick für die Kultur des Landes, in dem man lebt – bei uns die Schweiz. So entsteht gegenseitiger Respekt. Meine Kinder wachsen zweisprachig auf, sprechen Albanisch und Deutsch und fühlen sich in beiden Kulturen zu Hause. Das zeigt sich auch im Alltag, beispielsweise beim Essen: Mal gibt es typische kosovarische Gerichte, mal Schweizer Spezialitäten – das ist für sie ganz selbstverständlich und gibt ihnen ein Gefühl, in beiden Welten zu Hause zu sein. Wenn ich Familie in einem Satz beschreiben müsste, dann sage ich: Familie ist Alpha und Omega, Ursprung, Fundament und Kraft. Sie prägt uns und lehrt uns, wie wir in der Gesellschaft miteinander umgehen.»
Familie – auch getrennt verbunden

Tamara Beck, Mutter von drei schulpflichtigen Kindern, Projektleiterin Marketing und Kommunikation und Bloggerin, lebt zusammen mit dem Vater ihrer Kinder in einer Eltern-WG. Sie teilt ihre Erfahrungen mit einem Lebensmodell, das nicht der Norm entspricht, aber für ihre Familie funktioniert.
«Wir sind seit über drei Jahren getrennt, aber der Vater unserer Kinder wohnt noch überwiegend bei uns – eine Art Eltern-WG oder Nestmodell. Für uns ist das eine Bewusstseinsfrage: Wir empfinden uns nach wie vor als Familie, nicht als ‹alleinerziehend›. Von Anfang an war uns wichtig, dass die Kinder nicht unter der Trennung leiden und ihr Zuhause behalten können. Drei Kinder im Schulalter, davon zwei in der Pubertät, ein Haus und drei Katzen – das ist eigentlich ein Full-Time-Job. Mein Teilzeitjob und mein Engagement im Sport bringen mich oft dazu, Haushalt und Ordnung hintanzustellen. Trotz allem ist immer jemand nach der Schule zuhause, und wir teilen uns die Termine für Ballett, Schule, Arztbesuche und was sonst noch anfällt. Einkaufen, Rasen mähen, Kochen – alles wird geteilt. Vor allem aber essen wir regelmässig zusammen, tauschen uns aus, und die Kinder wissen, dass sie zu beiden Elternteilen gehören. Die Stimmung zuhause ist viel besser als früher. Früher lag eine tiefe Spannung in der Luft, die die Kinder spürten. Heute streiten wir kaum noch und schaffen so eine beruhigende Atmosphäre. Von aussen stossen wir oft auf Anerkennung: ‹Wie schafft ihr das?› höre ich häufig von Eltern, die sich nicht im Guten getrennt haben oder sich ein Zusammenleben nach der Trennung nicht vorstellen können. Einige kritische Stimmen sagen, dass sie niemanden daten würden, der noch mit dem Ex zusammenwohnt. Aber für mich zählt, dass wir ein offenes und friedliches Miteinander leben. Für mich zeigt dieses Modell, dass Familie mehr ist als eine romantische Beziehung. Familie bedeutet für uns gleichberechtigte Elternschaft, Vertrauen, Nähe und gemeinsame Verantwortung – auch wenn sich Wege trennen. Entscheidend ist, dass das Wohl der Kinder im Mittelpunkt steht und dass Eltern auch getrennt ein Team bleiben können.»
Dieser Text ist erstmals als Titelgeschichte im Magazin active & live erschienen.
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