Familienleben Kolumne

(Zu) Nah am Wasser

Die Schwangerschaft bringt es mit sich: von einem Tag auf den anderen ist man ganz nah am Wasser gebaut. Auch bei mir war es so: Ich, die früher im Kino für jegliche Gefühlsduselei nur ein müdes Lächeln übrig hatte, musste plötzlich ob der Pinguinen-Reise weinen, weil ich mich derart in die beschwerliche Lebenssituation der Kaiserpinguine in der Antarktis hineinversetzte, dass ich um jede Pinguinmutter, die nicht mehr von der Jagd zurückkehrte, um jeden Pinguinvater, der während des Eibrütens erfror und um jedes Pinguinbaby, das verhungerte gottserbärmlich weinen musste. Diesen Tag, diesen Film werde ich nie wieder vergessen, denn das war ein Wendepunkt in meinem Gefühlsleben.

Seither muss ich sozusagen immer weinen, wenn ich Nachrichten lese, fernsehe oder im Kino bin und es dabei um Eltern oder Kinder geht. Das Gesehene oder Gehörte prägt mich derart, dass ich mich auch Jahre später zurück erinnere. Zum Beispiel an diese Mutter, die beim Erdbeben in Haiti tagelang verletzt mit ihrem Baby unter Trümmern verharrte, nach ihrer Rettung dann an einer Infektion starb. Oder an die Hauptdarstellerin des Films „Mother and Child“, die zum Schluss bei der Geburt ihres Kindes stirbt. Nicht einmal mehr die Feel-Good-Sendung Happy Day überstehe ich tränenlos. Wie letzten Samstag als mich all diese Wiedervereinigungsgeschichten zu bitter-süssen Tränen rührten, weil ich das ganze damit verbundene vorgängige Leid richtiggehend selber spürte und mich gleichzeitig so für die Glücklichen freute.

Und da bei mir im Kopf das eine auch immer gleich das andere hervorruft, denke ich beim Thema „nah am Wasser“ auch immer wieder an den möchtegern Erotik-Hit von Alice und Stefan Waggershausen „Zu nah am Feuer“, den ich vor bald 20 Jahren zu trällern pflegte. Was hatte ich damals Null Ahnung, was wirklich intensive und aufwühlende Gefühle sind und was wahres Mitgefühl auslösen kann!

immer mittwochs im Tagblatt der Stadt Zürich

Wie nah seid Ihr am Wasser gebaut? Hat sich Eure Gefühlswelt vor und nach dem Kinderhaben verändert?

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6 Kommentare

  • Gaby
    5. Juni 2013 at 06:17

    Nah am Wasser war ich schon immer gebaut (ist vielleicht auch mein Sternzeichen, Krebs, dem man das ja nachsagt). Seit der Geburt meiner Tochter berühren mich aber wahrscheinlich auch solche Situationen noch etwas mehr, wie du beschrieben hast (z.B. die Pinguine :-). Ansonsten schäme ich mich mit zunehmendem Altern überhaupt nicht mehr, wenn irgendwann die Tränen kullern. Weinen hat auch etwas Lösendes und tut manchmal einfach gut.

  • Tamara
    5. Juni 2013 at 07:03

    Da hab ich’s we Gabi. War vorher schon so und wurde noch schlimmer 😉
    Allerdings ging ich davon aus, dass ich zu dem Zeitpunkt nach der Geburt, wenn sie mir mein Baby in den Arm legen, losheulen würde. Hatte glaub keine Kraft mehr, nicht mal zum weinen. Dafür erfuhr ich ein paar Tage später von einem Baby, das sehr krank war und wenig später starb. Ich kannte weder die Eltern noch das Kind, konnte aber die traurigen Gedanken lange nicht mehr abschütteln.

  • Opa
    5. Juni 2013 at 09:50

    Als Opa kann ich zwangsläufig nicht mit einer Schwangerschaft oder gar Geburt aufwarten. Aber nach meiner Herzoperation, bei der ich eine künstliche Herzklappe bekommen habe, war es genauso. Mittlerweile schaffe ich es sogar, auch bei anrührender Werbung eine Träne zu verdrücken. Soll aber ganz normal sein – wobei: Was heißt heute schon normal?

  • Nicole Bertsch
    5. Juni 2013 at 16:24

    Ich war auch schon immer nahe am Wasser gebaut, und mittlerweile schwimme ich quasi dauerhaft darin…. Hat sich mit den Schwangerschaften sicherlich noch weiter bestärkt, und oft sind ja die Kinder genau auch der Grund, der mich zu Tränen rührt. Das versteht dann sogar mein Mann… 😉 Ansonsten wundert er sich immer mal wieder, wenn ich wegen „wildfremden“ Leuten weine oder wegen eines Films oder sowas in der Art. Tja, mir doch egal…. 😉

  • Katharina
    5. Juni 2013 at 23:08

    Ich war nie nah am Wasser gebaut und seit ich abgestillt habe, bin ich diesbezüglich eigentlich wieder mehr oder weniger normal.

  • Nicole
    11. Juni 2013 at 11:46

    Puh, habe grad‘ mit vor Rührung tränenerstickter Stimme den Willkommensbrief der Lehrerinnen von Nando vorgelesen – wie werde ich erst am Schultag selber dann gerührt sein?

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