Familienleben Kolumne

Wer wirft den ersten Stein?

Verunglückt ein Kind, kursieren die immer gleichen vorwurfsvollen Fragen: „Wie kann es sein, dass ein Kinderwagen mitsamt Baby einfach so in die Glatt rutscht?“ „Wie ist es möglich, dass ein Bub aus einem fahrenden Auto purzelt?“ „Wie kann ein Kind mir nichts dir nichts in die Reuss fallen?“ Gleichzeitig schnellen reihum schuldzuweisende Mahnfinger hoch „Eltern müssen auf ihre Kinder aufpassen, das ist schliesslich ihre Pflicht!“

Selbstverständlich gehört die Aufsichts- und Schutzpflcht zur einer der wichtigsten Verantwortungen von Eltern. Diese nehmen sie auch nicht nur deswegen wahr, weil es sich um gesetzliche Pflichten handelt, sondern, weil Eltern in erster Linie aus Liebe instinktiv Tag und Nacht alles daran setzen, ihren Nachwuchs zu beschützen.

Allerdings gibt es keine Eltern mit von einander unabhängig beweglichen Chamäleonaugen und rundum greifenden Tintenfischarmen. Darüber müssten sie aber verfügen, wollten sie nebst der Verantwortung fürs Geldverdienen, Einkaufen, Kochen, Aufräumen, Putzen, Waschen, Bügeln, Organisieren und Erziehen ihre Aufsichts- und Schutzpflicht jederzeit vollumfänglich wahrnehmen.

Deshalb kennen wohl alle Eltern die trotz ständiger Obacht immer wiederkehrenden Schrecksekunden, in denen sie realisieren, dass soeben alles hätte schief gehen können, dies aber bloss deshalb nicht erfolgt ist, weil sie einfach nur Glück gehabt haben.

Mit zwei Tornados wie unseren Buben ist mir nur allzu bewusst, dass jeder gut endende Tag einfach nur eine Aneinanderreihung glücklicher Umstände ist. Wie bei manchem Autofahrer, der stolz auf eine langjährige unfalllose Fahrkarriere schaut und vergisst, dass seine zahlreichen Unachtsamkeiten nur durch Zufall und grösstes Glück nie folgenschwer waren.

Wer sich schuldlos fühlt, soll weiterhin mit Steinen um sich werfen. Ich für meinen Teil werde mich hüten, darüber zu urteilen und die einzigen Steine, zu denen ich greife, sind diejenigen eines Rosenkranzes.

immer mittwochs im Tagblatt der Stadt Zürich

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1 Kommentar

  • Max
    18. August 2010 at 13:30

    Meine Erfahrung ist folgende: Bis ein Unglück wirklich zum tragischen Unglück wird müssen eine Reihe von dummen Zufällen zusammenspielen, eine Verkettung von Umständen.

    Ich kenne nur einen vernünftigen Weg, Unglücke zu vermeiden. Wie oft haben wir schon ein Missgeschick erlitten und danach gedacht „Schwein gehabt, diesmal ist nichts passiert?“

    Ich selber nehme jede solche Situation zum Anlass, den Vorgang durchzudenken, zu schauen, ob es eine schlechte Gewohnheit gibt, die ich mir abgewöhnen muss. Vielleicht gibt es einen Handgriff, denn ich besser einüben muss. Oder ich sollte in einer Bedienungsanleitung etwas nachschlagen.

    Auf gewohnten Strassen gibt es manchmal Ecken, wo wir schon hundertmal gegangen sind, nie nach links geschaut haben, weil von dort sowieso nie ein Auto kommt. Eines Tages haben wir Schwein, springen im letzten Moment zur Seite. Das ist der Moment, nicht einfach den Schrecken zu vergessen, sondern ein paar Schritte zurückzuegehen, sich selber beim Betreten der Ecke zu beobachten und sich den Moment zu merken, wo man den Kopf nach links wenden muss.

    Die Unglücke anderer Menschen interessieren mich nur insofern, als ich etwas aus dem Geschehen für mich selber lernen kann. Ich kann nur mich und meine Angehörigen schützen. Für die anderen bin ich nicht verantwortlich.

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