Familienleben Kolumne

Vertrauen ist gut, intervenieren ist besser

"Wenn schon intervenieren, dann "richtig"!"

Letzte Woche kam er also, der Brief vom Schulkreis. In Unkenntnis der Sachlage hatten wir dessen Erhalt bereits letztes Jahr befürchtet, dann aber festgestellt, dass der Grosse noch nicht auf dem Verteiler war, weil er – glücklicherweise – 15 Tage „zu spät“ vier Jahre alt wurde. Glücklicherweise, weil wir wohl zur Minderheit gehören, die diesen Meilenstein nicht schon lange herbei gesehnt und deren Erreichen gepusht haben.

Während wir uns über den vertagten Kindergarteneintritt und somit über ein weiteres Jahr selbstbestimmten Familienlebens ohne diktierten Tagesabläufe und Massentourismusferien freuten, bekundeten andere Eltern uns gegenüber ihr Bedauern, dass wir dieses Etappenziel so knapp verpasst hätten. Kopfschüttelnd wurde uns vorgehalten, dass wir den Zeitpunkt für den Kindergarteneintritt zu unseren Gunsten hätten beeinflussen können, hätten wir „rechtzeitig an der richtigen Stelle interveniert“.

Was niemand verstand: wir wollten nicht „intervenieren“, denn es lief zu unseren Gunsten: ein weiteres Jahr eingespielte Familienorganisation, ein weiteres Jahr Kindheit für den Grossen. Ganz abgesehen davon, dass es sich nicht gehört, an der „richtigen Stelle zu intervenieren“ – so wies Südländer zu tun pflegen, oder?

So haben wir letzte Woche alle Formalitäten erfüllt und wollten auf eine faire Behandlung unserer Anmeldung vertrauen, wurden aber erneut von dritter Seite kopfschüttelnd ermahnt, „rechtzeitig an der richtigen Stelle zu intervenieren“, wenn der Grosse in den „richtigen“ Kindergarten kommen sollte.

Als gleichenabends die Tagesschau über den „Gekauften Eintritt ins Gymi“ berichtete und dass bereits Eltern von Viertklässlern diese für die schier unbezahlbaren Vorbereitungskurse auf die Gymi-Prüfung voranmeldeten, wussten wir: Chancengleichheit und Gleichberechtigung gibt es nicht – Vetrauen ist gut, an der „richtigen Stelle intervenieren“ aber immer noch besser. Unterdessen tuns ja auch nicht mehr nur Südländer.

mittwochs immer im Tagblatt der Stadt Zürich

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