Familienleben

Unter jedem Hund

"Mamma, das chasch du ässe..." - Bild: Angels Book

Zu kinderlosen Zeiten wurden das Familienoberhaupt und ich wiederholt mit dem Stil- und Sittenzerfall konfrontiert, der mit der Familiengründung einhergeht. Angewidert erlebten wir anlässlich von Einladungen bei frischgebackenen Eltern, wie einstige chice Freunde und erstklassige Gastgeber zu ungehobelten Barbaren mutierten, für die Essen nur noch der Energiezufuhr diente, ganz ohne Rücksicht auf frühere Ansprüche an Manieren und Aesthetik.

Auf der Heimkehr fuhren wir jeweils über das Erlebte her und schwörten uns gegenseitig, nie und nimmer angebissene Resten aus Kindertellern zu essen oder Kindermäuler mit eigener Spucke zu säubern. Wo sonst bliebe da jedermanns Recht auf etwas Würde?

Natürlich war uns klar, dass man als Eltern mit der gelegentlichen Landung eines gehaltvollen Rülpsers auf die Schulter rechnen musste oder dass man sich ab und an die Hände wortwörtlich schmutzig wickeln konnte. Dass ein Görpsli oder eine volle Windel nichts gegen später anstehende Würdelosigkeiten sein würden, darüber hat uns – wohlweislich – niemand aufgeklärt.

Frühmorgens eingetrocknete Nasenbööge von Kissen kratzen, mit milchdurchweichten Cornflakes bespuckt zu werden, weil Niessanfälle das Müesliessen durchkreuzen, das frisch gecrèmte Gesicht für schlabbrige Abdschiedsküsse hinhalten, abends die anständige Büroaufmachung versauen, weil freudige Wiedersehenssprünge Spuren in Form von Schlammfüssen an den Hüften hinterlassen, das sind nur einige – geradezu heilige – Beispiele dafür, was man sich als Eltern alles gefallen lassen muss. Denn wenns ganz dick kommt, darf man nachts auch noch magenwarme Hörnli aus dem Bett klauben!

Ein kleiner Trost ist die vage Hoffnung, dass sich unsere Buben genau so demütig unser annehmen werden, wenn sich das Rad dereinst gedreht haben wird und sie uns die versabberten Mundecken trocken tupfen müssen, während wir lallend am Tisch eines Altersheims sitzen. Ausser aber, sie sind vorher nicht eh schon abgehauen…

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2 Kommentare

  • Gaby
    25. August 2010 at 07:24

    ja, und da wir ja „alte“ Eltern sind, könnte dies gar nicht mehr so lange dauern, bis die Kinderchens sich unser annehmen dürfen.

    ….hmmm…. Rita, das Heineken-Bier finde ich ja ziemlich cool. Da muss man sich aber dann ein paar Stunden später auch nicht über die Hörnli im Bett wundern

  • max
    26. August 2010 at 09:15

    Für mich sind das zwei verschiedene Dinge: Einen Niessanfall kann ein Kleinkind nicht kontrollieren. Also wir man etwas abbekommen. Aber man kann dabei das Kind beobachten und im richtigen Moment erziehen, lehren, dass man die Hand vor das Gesicht nimmt. Das hat auch einen lustigen Teil.

    Nicht lustig finde ich, wenn Erwachsene vom Teller ihres Kindes essen, wenn erwachsene Teller abschlecken und vor allem wenn sie auch noch fremde Teller abschlecken. Die Erwachsenen sollen Tischmanieren haben und diese eine um die andere auch den Kindern lehren.

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