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Sex im Chindsgi

Eltern erwischt es in Sachen Entwicklungsschritte meist auf dem falschen Fuss: die erste Drehung auf dem Wickeltisch, das erste Überwinden des Laufgitters oder der erste Griff zum Wasserkrug – darauf ist man zwar vorbereitet, doch überraschen uns Beinahe-Stürze, gefährliche Ausreisser oder lästige Schusseligkeiten in der Realität dennoch immer wieder aufs Neue.

Zum Glück treten nicht alle Entwicklungen so unmittelbar ein, denkt man und glaubt, dass im Normalfall genug Zeit ist, um das Kind an neue Herausforderungen heranzuführen, damit es diese sicher und erfolgreich bewältigen kann – eine der wichtigsten Erziehungsaufgaben von Eltern.

So weiss ich, dass sich beim Grossen die Aufklärung anbahnt. Nicht nur steigt das Interesse für die Unterschiede zwischen Mann und Frau, sondern vermehren sich auch die typischen unbeholfenen Anzeichen für „Hey, ich habe schon gecheckt, dass da was ist!“.

Die Entwicklung von Schamgefühlen, das verstohlene Beobachten und die aktuellste Äusserung „Ich habe im Fall schon gesehen, dass das Pony ein sooo langes Zipfeli hat!“ sind für mich Zeichen genug, mich dieser wichtigen elterlichen  Herausforderung zu stellen und die Verantwortung für die Aufklärung meines Kindes schrittweise an die Hand zu nehmen, bevor es das „Bravo“ oder sonst wer tut.

Doch noch bevor ich mir konkrete Gedanken dazu machen kann, überrascht mich die Meldung, dass ab dem neuen Schuljahr in Basel eine „Sex-Box“ die Aufklärung der Kinder bereits im Kindergarten übernimmt! Einmal mehr werde ich auf dem falschen Fuss erwischt. Nebst „musikalischer Früherziehung“ und „Frühenglisch“ kommt jetzt also auch noch der „Frühsex“.

Ist es nicht eigenartig, dass man den ganzen „Frühwahn“ verurteilt, aber „Frühsex im Chindsgi“ fördert? Und ist es nicht schizophren, dass die ständig an die elterliche Erziehungsverantwortung appellierende Schule ausgerechnet die aus meiner Sicht zentrale elterliche Aufgabe der Aufklärung übernimmt?

mittwochs immer im Tagblatt der Stadt Zürich

Und hier findet ihr weitere Blog-Beiträge, die wir zum Thema verfasst haben:

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2 Kommentare

  • Sascha Krähenbühl
    2. Juni 2011 at 12:39

    Ich persönlich wurde nie aufgeklärt und bin eigentlich auch froh. Irgendwie wäre es mir nämlich unangenehm gewesen, dies mit den Eltern an einem Tisch anzuschauen. Ich lernte dies lieber via Kollegen und Internet.

    Wie gehst du dieses Thema mit deinem Sohn an?

  • Rita Angelone
    2. Juni 2011 at 14:13

    Ehrlich gesagt, Sascha, weiss ich es noch nicht so genau. Natürlich habe ich als erstes an ein Büechli gedacht, mit dem man den Körper, seine Funktionen und schliesslich auch die Unterschiede zwischen Mann und Frau thematisieren kann. Zumindest anfangen damit. Dann denke ich, dass man in der Familie verhältnismässig offen mit dem Thema umgehen sollte, ohne aber dabei zu übertreiben. Ich finde, es ist falsch und bringt – wie du sagst – die Kinder in Verlegenheit, wenn man so schulmässig das Thema angehen will, so nach dem Motto: „Heute erkläre ich dir mal, wie das geht und jenes funktioniert“. Wenn ein Thema aufgrund eines Verhaltens oder einer Frage des Kindes aktuell wird, kann man darauf eingehen. Und neben dem eigentlichen sachlichen Thema gibt es doch auch einen „lustvollen“ Teil, den man nicht schulen kann und der niemand so am Tisch besprechen will. Das sind Dinge, die man lieber einfach selber erfährt (vielleicht im Internet) oder eben mit Kollegen. Kollegen spielen aus meiner Sicht eine wichtige Rolle, da sie in der gleichen Situation stecken. Schliesslich denke ich, dass wir wohl alle etwas übertreiben mit dem Aufklären wollen. Es kann, denke ich, auch zuviel und viel zu früh passieren. Und die Kinder wollen z.T. auch gar nicht so viel so früh wissen. Das ist jetzt keine richtige Antwort, aber ich denke, dass du meinen Ansatz verstanden hast.

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