Familienleben Schule

Schulangst: Wenn der Gedanke an die Schule lähmt

Bild: www.mit-kindern-lernen.ch

„Jeden Morgen musste mein Onkel seinen ganzen Mut zusammennehmen, um in die Schule zu gehen. Sein Lehrer nannte ihn aufgrund seines Sitzplatzes – und als Zeichen seiner Verachtung – nur „Eckmann“.

„Eckmann!“ schrie er: „Hast du das Gedicht gelernt? Aufsagen!“

War ihm das Gedicht vor lauter Angst entfallen, hatte er die Hausaufgaben vergessen oder war beim Rechnen nicht schnell genug, setzte es eine Strafe.

„Eckmann! Tante Amalia oder 5 Seiten?“ Mein Onkel entschied sich regelmässig für Tante Amalia – einen Spazierstock mit einem Frauenkopf, mit dem er als Strafe für sein Unvermögen verdroschen wurde. Um mit dem Druck und der Angst umzugehen hatte er sich ein Mantra zurechtgelegt, das er sich jeden Morgen im Badezimmer aufsagte: Schimpfen tut nicht weh! Hauen geht nicht lang! Töten darf er mich nicht!“

Diese äusserst traurige Geschichte haben wir bei www.mit-kindern-lernen.ch entdeckt, der hilfreichen Plattform für Lerntipps für Kinder und Jugendliche.

Zum Glück hat sich in den letzten Jahren diesbezüglich viel getan: Die Schule ist menschenfreundlicher geworden und die Lehrer gehen vermehrt auf die Bedürfnisse der Kinder ein. Schwächere Schüler werden viel seltener blossgestellt und häufiger unterstützt. Und doch: Für viele Kinder und Jugendliche ist die Schule mit Angst und Druck verbunden und alleine der Gedanke daran, macht sie nervös. Für Eltern ist es darum sehr wichtig, herauszufinden, welches die Hintergründe für die Schulängste ihrer Kinder genau sind:

Trennungsängste

Es kommt nicht selten vor, dass Primarschulkinder Trennungsängste haben und sich daraus eine richtige Schulphobie entwickelt. Diese Trennungsängste werden bei Schulkindern oft nicht richtig eingeordnet, da man glaubt, das Kind hätte diese Angst bereits in der Krippe oder im Kindergarten überwunden. Doch Trennungsängste bei älteren Kindern können punktuell wieder auftregen: Die Schulkinder haben dann plötzlich Angst, den Eltern könne während ihrer Abwesenheit in der Schule etwas zustossen oder sie könnten gar sterben, während sie in der Schule sind. Immerhin treten Trennungsängste zu Hause nicht auf und beeinflussen das Hausaufgaben machen oder das Lernen nicht negativ.

Mobbing

Schulkinder können auch Ängste im Zusammenhang mit bestimmten Personen – zum Beispiel Lehrer oder Klassenkameraden – entwickeln. Ein grosser Teil der Kinder, die gemobbt werden, verheimlicht dies vor den Eltern. Deshalb ist es wichtig zu beobachten, wie gut ein Kind in der Klasse integriert ist und sich zu achten, ob es dauernd von Konflikten oder Hänseleien erzählt oder aber solche Dinge gar nie erwähnt.

Prüfungs- und Leistungsängste

Die häufigste Angst bei Schulkindern ist die Prüfungs- oder Leistungsangst. Damit verbunden ist häufig die Angst vor der Bewertung durch andere oder durch die eigene Person. Betroffene Schüler fürchten, dass andere sie weniger achten oder wertschätzen oder sie für dumm und unfähig halten, wenn sie schlechte Leistungen erbringen. Auch haben Schulkinder manchmal Angst, die Selbstachtung zu verlieren und sich als Versager zu fühlen.

Was können Eltern tun?

Als Eltern ist es wichtig, mit den Kindern über die Schulangst zu reden, diese anzugehen und versuchen, sie zu reduzieren. Dies erfolgt am besten durch:

Zuhören

Es ist wichtig, genau nachzuvollziehen, wovor sich das Kind fürchtet, unter welcher Art von Angst es leidet. Ängste sind oft irrational oder erscheinen übertrieben, Dritten erscheint die empfundene Bedrohung in keinem Verhältnis zur Realität zu stehen. Dies führt dazu, dass Kinder meist sofort Widerspruch erfahren, wenn sie von ihren Ängsten sprechen, indem sie Sätze hören wie „Ach, davor musst du doch keine Angst haben!“ oder „Das ist doch nicht so schlimm!“ oder „Du hast doch bisher immer alles geschafft! Das klappt ganz bestimmt!“

Solche Aussagen helfem dem Kind nicht weiter, denn Ängste kann man anderen nicht einfach ausreden. Es ist besser, zwischen dem Gefühl und der tatsächlichen Bedrohung zu trennen und das Gefühl des Kindes vorläufig zu akzeptieren und ernst zu nehmen, auch wenn man seinen Gedanken nicht zustimmt. Je stärker ein Kind das Gefühl hat, dass seine Angst ernst genommen wird, desto mehr öffnet es sich und hört den Eltern zu, wenn diese sich mit ihm zusammen seine Ängste genauer anschauen.

Ängste reduzieren

Ängste lassen sich durch verschiedene Methoden reduzieren. Wichtig ist, dass man sich der Angst stellt und sich damit auseinandersetzt. Ängste lösen sich auf, wenn man erlebt, dass man die Situation meistern kann, das befürchtete Ereignis nicht eintritt oder sich die Befürchtungen als übertrieben erweisen.

Manche Ängste werden durch Mut und Übung überwunden (Kinder springen zunächst vom Beckenrand, dann vom Einmeter – und Zweimeterbrett). Andere Ängste werden durch analytisches Denken reduziert (Monster existieren nicht, im Dunkeln muss man also keine Angst haben). Wieder andere Ängste verschwinden dadurch, dass Kinder andere Kinder beobachten können, wie sie mit einer „bedrohlichen“ Situation umgehen (Kinder schauen anderen Kindern beim Spielen mit Hunden zu).

Prüfungs- und Leistungsängste sind etwas komplexer, aber auch hier können verschiedene Methoden eingesetzt werden. Wie weiter oben beschrieben geht es zunächst ebenfals darum, durch genaues Zuhören herauszufinden, wovor sich das Kind genau fürchtet. Konkrete Tipps für Referate, Blackouts bei Prüfungen u.v.m. findet Ihr in der angehängten Datei, die Ihr downloaden könnt!

Welche Art von Ängsten kanntet Ihr als Kind? Welche kennen Eure Kinder? Wie versucht Ihr, die verschiedenen Ängste anzugehen? Eure Erfahrungen sind gefragt!

Bereits erschienene Beiträge in Zusammenarbeit mit „Mit Kindern lernen“:

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1 Kommentar

  • Katharina B.
    9. September 2014 at 08:00

    Kurzer muss für die Vorschule mit dem Linienbus ins Nachbardorf fahren. Auch als seine Gschpänli schon alle ohne Beglelitung fuhren, bat er mich jeden Morgen, mit ihm einzusteigen und ihn bis zum Schulhaus zu begleiten.
    Ich habe dann recht schnell angefangen, mit ihm das „so tun als ob“-Spiel zu spielen: „Jetzt tun wir so, als ob ich nicht da wäre“ etc. Jeden Mittag habe ich ihm dann erzhält, was ich am Morgen gesehen habe: Ich sah einen Schulbuben, der sich selber einen Platz gesucht hat, der sich selber hingesetzt hat, der selber am richtigen Ort ausgestiegen ist, der sich mit den anderen Kindern eingereiht hat, der mit der Patrouillenfrau zum Schulhaus gelaufen ist,…
    Aber auch so traute er sich immer noch nicht. Nach einigen Tagen kam dann heraus, dass er Angst vor Unvorhergesehenem hatte: Was, wenn der Bus ans falsche Ort hinfährt, was, wenn er vergisst auszusteigen, was, wenn er nicht mehr weiss wohin, was…
    Ich bin dann jeden dieser Punkte mit ihm durchgegangen, nochmal und nochmal und nochmal, zuerst speziell und dann auch allgemein. Er weiss jetzt, an welche Person er sich wenden und um Hilfe bitten soll, wenn er verloren ist (eine Mutter mit kleinen Kindern oder eine Person in Uniform). Wir haben Kleberli mit meiner und Papas Handynummer an verschiedene Orte hingeklebt. Jetzt weiss er, wie er vorgehen kann, wenn etwas nicht so ist wie gewohnt und das gibt ihm die Sicherheit, die noch fehlte, um de Bus selber nehmen zu können.

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