Familienleben

Nicht nur neue Arbeitgeber braucht das Land…

Nicole, mehrfach engagierte Mutter von zwei Kindern*, führt die Bühne frei – Serie weiter und macht sich Gedanken, weshalb trotz der zunehmenden Zahl an verständnisvollen Vorgesetzten nicht zwingend mehr Väter Teilzeit arbeiten. Ob diese wirklich nicht anders können oder ob sie es gar am Ende gar nicht wirklich wollen?

Eine deutsche Studie zeigt, dass in 9 von 10 Fällen die Mutter beim kranken Kind zuhause bleibt – in der Schweiz ist es wohl auch so. Warum? Kümmert sich eine Mutter besser um ein krankes Kind als ein Vater? Wenn wir ehrlich sind – nein. Bei einem intakten Vertrauens­ver­hältnis zu beiden Elternteilen ist es  dem Kind egal, wer von beiden sich kümmert, Hauptsache, jemand tut es. Warum aber denken immer noch so viele, dass es „normal“ sei, dass sich die Mutter ums Kind kümmert und der Arbeit fern bleibt? Leider ist es oft so, dass in betroffenen Familien sowohl der Vater als auch die Mutter selber der Meinung sind, dass die Mutter ihrer Arbeit problemloser fernbleiben könne; oft eben mit dem Argument, dass sie ja „nur“ Teilzeit arbeite. Hey, was heisst hier „nur“? Hat nicht der Arbeitgeber einer Mutter genauso das Recht auf die Arbeitskraft seiner Mitarbeiterin wie der Arbeitgeber eines Vaters? Warum denken viele Väter, dass sie es sich nicht erlauben könnten, ihren Chef anzurufen und ihm mitzuteilen, dass sie wegen des kranken Kindes zuhause bleiben müssten?

Vermehrt verständnisvolle Vorgesetzte

Meiner Erfahrung nach reagieren die allermeisten Chefs von Vätern verständnisvoll. Mein Mann und ich haben das diesen Winter auch erlebt, als unsere beiden Kinder nacheinander an Windpocken erkrankten und wir beide jeweils einige Tage zuhause bleiben mussten. Wer unser Betreuungsmodell kennt (2 Tage Krippe, 2 Tage Mami, 1 Tag Papi), der wird jetzt vielleicht einwenden, dass das bei uns deswegen möglich sei, weil der Chef meines Mannes auch den Papitag gut findet. Ja, vielleicht, aber warum nur reden viele Mütter und vor allem auch Väter davon, wie schön es wäre, wenn die Väter sich mehr um die Kinder kümmern und mit ihnen Alltag erleben könnten, wenn doch gemäss meiner Erfahrung im Bekanntenkreis kaum jemand das Thema wirklich mit seinem Chef bespricht?

Teilzeit für Väter: Eine Frage des Könnens oder des Wollens?

Ist es am Ende vielleicht doch nur ein Lippenbekenntnis, weil es halt besser tönt zu sagen „Ich kann nicht“ statt „Ich will nicht“? Ich hoffe, nicht. Ich weiss, es gibt ganz viele Chefs, die es sich nicht vorstellen können und es daher ihren Mitarbeitenden auch nicht ermöglichen, Teilzeit zu arbeiten. Warum? Weil jemand, der einen wichtigen Job macht, immer erreichbar sein muss für den Chef, die Kollegen und vor allem die Kunden? Sind denn diejenigen, die 100% arbeiten, immer erreichbar? Vor allem diejenigen, von welchen man wegen ihrer hohen Führungsposition diese Erreichbarkeit erwartet? Nein. Zig Meetings und vielleicht gar noch Sitzungen in einem nebenamtlich geführten Verwaltungsratsmandat oder andere wichtige Termine führen dazu, dass der Chef auch nicht erreichbar ist – selbst wenn er 100% arbeitet.

Meine persönliche Erfahrung mit einem Teilzeit-Job:

  • Ich arbeite motivierter. Das Engagement für die Kids und den Haushalt ist nämlich manchmal sehr anstrengend. Auch habe ich oft Ideen für eine Sache im Büro und reue mich dann entsprechend auf den nächsten Bürotag.
  • Ich bin loyal. Ehrlich gesagt, weiss ich nicht, ob ich noch da arbeiten würde, wo ich es heute tue, wenn ich nicht wüsste, dass ich das, was ich derzeit habe, eben nicht einfach so an einem anderen Ort wieder haben könnte.
  • Ich arbeite – gerechnet auf die Prozente – wohl eher mehr. Ich möchte meinen Job gut machen und bin daher bereit, auch abends mal was fertigzustellen. Und ich habe in meiner „bürofreien“ Zeit oft mehr Ideen fürs Büro als ich solche früher an den Wochenenden oder in den Ferien hatte.

Engagement für die Familie lohnt sich – auch für Arbeitgeber

Mit grosser Freude habe ich zur Kenntnis genommen, dass immer mehr Arbeitgeber merken, dass es sich lohnt, den Mitarbeitenden – Frauen wie Männern – Zeit für die Familie zur Verfügung zu stellen. Dabei geht es übrigens nicht immer nur um die Betreuung seiner Kinder, sondern vermehrt auch um die Pflege der Eltern. Exemplarisch dafür wohl ein Versicherungskonzern, der kürzlich vom Kanton Zürich mit dem „Prix Balance“ ausgezeichnet worden ist als familienfreundlicher Betrieb. Beim Versicherungskonzern hat sich seit 2008, als eine interne Fachstelle „Diversity & Family Care geschaffen worden ist, der Anteil der teilzeitarbeitenden Männer um 30% erhöht – auch in vielen Kaderstellen.

Weiter so, möchte ich da nur noch sagen! Zum Wohle der Familien – und auch der Unternehmen!

*Nicole Bertsch ist Mami von Nando (4) und Carmen (2), Ehefrau von Joachim und ausgebildete Journalistin und Juristin. Sie arbeitet Teilzeit bei einem grossen Versicherungskonzern (nicht dem genannten, aber auch einem familienfreundlichen….) und steckt derzeit noch im Wahlkampf. Sie kandidiert für die Zürcher FDP auf dem Listenplatz 21 für den Nationalrat.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Teilzeitarbeit? Ist sie nur für Mütter möglich? Ist sie für Väter wirklich so schwierig?

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7 Kommentare

  • Tanja
    7. Oktober 2011 at 07:04

    Bei uns würde es evt mit mühe und Not gehen, dass mein MAnn nur 80% arbeitet. Aber da er im Winter 24 Stunden pro Tag sieben Tage die Woche abrufbereit sein muss wäre es wohl oft so, dass die Kinder dann einfach ganz kurzfristig morgens irgendwo untergebracht werden müssten. Und so eine Flexible Kinderhüeti müsste man erst finden.
    Es ist aber so dass mein Mann und ich uns geeinigt haben, dass ich für die Kinder da bin und er arbeitet weil er erstens viel mehr Lohn als ich hat und weil wir es unsinnig finden dass ich meine Kinder abgebe um auf andere Kinder aufzupassen.
    Wir haben das Glück dass mein MAnn Mittags immer heim kommt und Abends immer um 17.00 schon da ist (ausser im Winter) und nicht noch Arbeit mit nach HAuse nimmt. So hat er sehr viel von seinen Kindern!

  • Katharina
    7. Oktober 2011 at 08:37

    Danke Nicole für den schönen Artikel. Über weite Strecken spricht er mir aus der Seele. Aus volkswirtschaftlicher und soziologischer Sicht vernachlässigt er jedoch zwei Punkte, die neben individuellen Entscheidungen selbstverständlich auch eine wichtige Rolle spielen:

    1. der Gender wage gap: Solange dieser existiert, werden sich Paar aus aus ökonomischer Notwendigkeit bzw. aus utilitaristischen Gründen für ein 100%-Hausfrauen-Modell entscheiden
    und
    2. historisch-kulturelle, aus dem Zeitalter der Romantik stammende, im richtigen Leben natürlich für die Bevölkerungsmehrheit nie existiert habende, ansonsten jedoch längst überholte Repräsentationen der Mutterschaft und was damit zusammenhängt. „Das Kind gehört zur Mutter“ und „die beste Betreuung für ein Kind ist die Mutter“ sind Ideen, die sich hartnäckig halten, obwohl Entwicklungspsychologie/-biologie auf individueller und Ethnologie/Kulturanthropologie auf gesellschaftlicher Ebene eindeutig belegen, dass dies mitnichten ein „Must“ ist.

  • Rita Angelone
    7. Oktober 2011 at 08:20

    @Tanja: Ja, nicht in jeder Familie ist eine Teilzeit-Lösung für beide Partner möglich. Und dann muss man sich eben auf eine andere, genau so gute Lösung einigen. Es ist ja auch nicht so, dass unbedingt beide Parnter arbeiten gehen wollen. Das gibts ja auch. Bei dieser ganzen Diskussion finde ich zentral, dass jede Familie für sich einen Weg findet, der für alle gut ist.

  • Lorelai
    7. Oktober 2011 at 10:09

    Rita, ich finde es super, dass dein Mann 80% arbeitet. Wie wurde dies möglich? Mit meinem habe ich vor der Geburt auch darüber gesprochen und es wäre toll gewesen, wenn er einen Nachmittag zu Hause hätte sein können. Leider ist dies aufgrund seiner Position schwierig. Er arbeitet von 7 bis mindestens 17.30 Uhr und macht mittags nur eine ganz kurze Pause, die es ihm nicht erlaubt, nach Hause zu kommen. Das ändert sich aber hoffentlich in (ferner?) Zukunft, da wir auf der Suche nach einem neuen Heim sind. Ich wollte nie mehr als 20% arbeiten weil ich anfänglich dagegen war, mein Kind so früh in die Kita zu bringen. Ich bevorzugte eine Tagesmutter und die Schwiegermutter. Mit meinem Arbeitgeber war das nicht einfach, ich bekam höchstens für 10% Arbeit (arbeite von zuhause aus). Ich suchte also noch woanders nach Arbeit, die ich auch bekam, dies aber zum Leidwesen meines Arbeitgebers, der mich dann vor die Wahl stellte. Ich entschied mich also, freischaffend zu werden. Und mein ehemaliger Arbeitgeber hat plötzlich fast gar keine Arbeit mehr für mich… Da im Dezember mein Zweites kommt und ich sicher wieder lange Pause mache, suche ich mir jetzt auch keine neue Stelle. Ich schaue dann, wie’s aussieht wenn ich das zweite Kind abgeben kann. Ich habe auch keine Lust auf eine fixe Bürostelle. Ich stelle es mir stressig vor, zwei Kinder parat zu machen, abzugeben und dabei sich selber auch noch bürotauglich zu stylen… mir passt es so, wie’s jetzt ist aber der Papatag wäre schon schön. Bei uns kenne ich aber fast keinen Vater, der Teilzeit arbeiten (kann), ich glaube aber auch, dass sie das oft gar nicht wollen und dass die Firmenchefs zu konservativ sind. Ein Mann hat zu arbeiten, 100%, das ist sicher noch bei vielen so im Kopf.

  • Nicole
    7. Oktober 2011 at 11:52

    @Tanja: Wenn du mit der Situation, wie ihr sie gelöst habt, zufrieden bist, dann finde ich das super. Sonst wäre es natürlich schade, dass vor allem der Lohnunterschied eben doch noch in vielen Familien den Ausschlag geben muss. Ich denke aber auch, dass dein Mann insbesondere auch wegen des Heimkommens am Mittag noch viel Zeit hat für die Kids.
    @Kat: Ich kenne Familien, wo schon ein Lohnunterschied besteht, aber zum Glück die Familie auch mit etwas weniger noch sehr gut leben kann. In so‘ einer Konstellation finde ich es dann halt schon sehr schade, wenn der Papi sich nicht um einen Betreuungstag bemüht. Wenn der zusätzliche Lohn gebraucht wird, weil die Familienkasse leider nicht üppig ist, dann ist die Situation natürlich anders. Und betr. dem zweiten Punkt: Da höre ich grad‘ Ueli Maurer reden, der mal sagte, dass das Kalb auch von der Kuh und nicht vom Rind aufgezogen werde…. Als ich mit Nando schwanger war, waren mein Mann und ich an einem Vortrag von Remo Largo, der drauf hingewiesen hat, dass das mit der „traditionellen Familie“ eben gar keine Tradition sei, sondern nur ein Zeichen der Zeit im Wirtschaftsaufschwung nach den Kriegsjahren. Der Spruch von wegen „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind grosszuziehen“ komme nicht von ungefähr…..
    @Lorelei: Mein Mann und ich waren uns immer einig, dass wir beide unbedingt einen Papitag haben wollen, und schon alleine deswegen (und weil ich schon vor der ersten Schwangerschaft ein grosser Krippen-Fan war, weil ich bei uns im Dorf die Krippe aus der Kommissionstätigkeit kannte und sah, wie toll es die Kinder da hatten) war für mich klar, dass ich weiter arbeiten wollte nach der Geburt. Ich habe eine „fixe Bürostelle“, aber da ich da gerne hingehe, habe ich mich dran gewöhnt, am Morgen zeitig aufzustehen, um etwas Zeit für mich zu haben und dann die Kinder fertig zu machen. Seit Nando in den Kiga geht, übernimmt mein Mann an den Tagen, an denen ich ins Büro gehe, Nando am Morgen, weil die beiden dann etwas später das Haus verlassen.

  • Katharina
    7. Oktober 2011 at 13:23

    @nicole: Genau. Ich wollte nur mal wieder Soziologische schwätzen 😉
    Bei gut ausgebildeten Paaren mag das zutreffen, dass man den Lohnverlust bzw. die Differenz auffangen kann, bei „durchschnittlichen“ Paaren jedoch, wo sie einen „typischen Frauenberuf“ erlernt hat, weil sie ja „sowieso mit Arbeiten aufhört, wenn Kinder da sind“, leider nicht. Denn so ein „typischer Frauenlohn“ ist leider in den seltensten Fällen existenzsichernd.
    Ich bin grad aktuell dabei, auf unser ehemaliges Nachbarsmädchen einzureden: Im Sommer ab der Schule gekommen (Real), „hat eh keinen Zweck, ich find‘ eh keine Lehrstelle“, sie geht jetzt in die Fabrik und will dann ein Nagelstudio eröffnen, aber es ist ja sowieso nicht so wichtig „weil ich gerne jung Kinder möchte“.
    Da stellt man sich halt schon gewisse Fragen…

  • Nicole
    7. Oktober 2011 at 14:01

    Ui, Kat, da wünsche ich dir viel Glück beim Zureden! Das ist eine grosse Aufgabe! Ich kenne übrigens zwei Familien, wo die Frau 40% arbeitet und der Mann 80%, damit es finanziell aufgeht. Die Frauen gehen da zusätzlich noch an Abenden, bzw. am Samstag arbeiten. Beide Frauen (und ihre Männer) finden diese Lösung für sie persönlich befriedigender, und auch beide Männer finden es gut so.
    Falls du das Überreden nicht schaffen solltest, als kleiner Trost ;-): Ich kenne ich eine Frau mit schlechter Ausbildung, die mit ihrem Nagelstudio sehr gut verdient und den Job eben auch flexibel gestalten kann betr. der Kinderbetreuung.

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