Familienleben

Mutter Courage

Mancher Gang in ein Einkaufszentrum beweist: Es gibt sie doch, diese Helden des Alltags, die hinschauen, wo andere wegschauen. Respektive die sich in Familienangelegenheiten einmischen und ungefragt ihre Meinung äussern. Solche vermeintlich couragierten Bürger sind in Wahrheit Erziehungssaboteure und hindern mich daran, meine Erziehungsmethoden konsequent umzusetzen. Wie kürzlich geschehen.

Da wälzt sich unser Kleiner tobend auf dem Boden und will partout nicht Richtung Ausgang gehen. Ein klassischer Trotzanfall, nichts weiter. Jeder Ratgeber empfiehlt in einem solchen Fall, einfach nichts zu tun. Ich ignoriere also den Wutausbruch und gehe zielstrebig weiter. Er wird schon nachkommen, wenn ich mich nur genügend weit entferne. Aber statt des Kleinen kommen schon die ersten Schaulustigen daher und bilden einen Halbkreis um ihn. «Jesses, was isch au mit dir los?» «Ui nei, wieso muesch du so fescht brüele?» – «Wo isch dänn au dis Mami?»

Was denkt ihr, hat er wohl? Schon vergessen, wie eure Goofen damals getrotzt haben? Und wo bin ich ächt? Abgehauen? Ohne Kind? Schön wärs! Die Lage spitzt sich zu: Mein Kleiner kräht weiter, die Gaffer werden ungeduldig, wollen einschreiten, mein Handlungsspielraum verringert sich. «Bleiben Sie konsequent, hören Sie nicht auf die Kommentare von Passanten», habe ich gelernt. «Wenn Sie nachgeben, haben Sie verloren.» Leichter gesagt als getan. Bleibe ich stur, liefern die den Bub beim Kundendienst ab oder rufen am Ende noch die Polizei. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die Übung erfolglos abzubrechen und zum Kleinen zurückzukehren, der sich unterdessen dank der überschwänglich erhaltenen Aufmerksamkeit längst beruhigt hat und das ganze Theater – jetzt vor allem um meine Person – sichtlich geniesst.

Gerne möchte ich diesen Besserwissern einiges erklären, stattdessen denke ich mir: «In meiner Sprache heisst Zivilcourage ‹Füdle ha› und drum ‹gaat Sie das jetz alles rein gar nüt a›!»

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3 Kommentare

  • Katharina
    12. Januar 2011 at 09:45

    Mit meinem Anfängertrotzling von 15 Monaten (er übt noch 🙂 ) habe ich erst 2 Trotzanfälle in der Öffentlichkeit erlebt. Da ich aber von der Kognitionspsychologie fasziniert (und verdorben *grins*) bin, weiss ich, dass die diversen Bücher, Mit-Eltern und gutmeinenden Grosseltern und andere Einmischlinge gar nicht Recht haben KÖNNEN. Das Gehirn ist erst mit ca. 3 bis 4 Jahren in der Lage, strategisch um die Ecke zu denken und die nötige empathische Transfertleistung zu erbringen. Anders gesagt: Das Kind kann gar nicht so denken, wie es ihm unterstellt wird, und bewusst etwas durchtrotzen oder sich gegen die Mutter durchsetzen wollen.

    So gehe ich bisher lieber davon aus, dass es dem Kind beim Trotzen mehr darum geht, seine Frustration auszudrücken, als tatsächlich um das gewünschte Objekt. Und motzen darf bei mir jeder, solange er dabei anständig bleibt 🙂

    Mal schauen, die nächsten Monate und Jahre werden zeigen, ob meine These zutrifft *giggel*

  • Andrea Mordasini, Bern
    2. Mai 2011 at 20:23

    Als Mutter zweier Kleinkinder im Alter von 4 und 2.5 und damit im typischen Trotz- und Zwängalter kann ich Ihnen sehr gut nachfühlen und nachempfinden! Babies und Kleinkinder schreien und weinen nicht einfach so, schon gar nicht grundlos und um andere zu nerven. Sie tun dies, weil es neben Lachen die einzige Kommunikationsmöglichkeit ist und sie sich uns so mitteilen: aus Angst, vor Schmerzen, Hunger, Durst, Unwohlsein etc. Sie trotzen und zwängen nicht zwingend, weil sie etwas haben wollen bzw. nicht kriegen oder den Kopf durchstieren wollen, sondern aus Frust, weil sie erneut an eine Grenze stossen und sich von uns Eltern unverstanden fühlen. Dabei ist es den Kleinen egal, ob dies zu Hause oder im überfüllten Migros, Coop oder dem proppenvollen Abendverkehrbus ist… Leider scheinen viele Nörgler vergessen zu haben, dass auch sie mal kleine, wilde, laute und neugierige Kinder gewesen sind und nicht bereits als ruhige, brave, stille und wohlerzogene Erwachsene zur Welt gekommen sind. Ihre Eltern verschanzten sich damals sicher nicht den ganzen Tag wegen einiger Motzern zu Hause! An alle, dich sich über schreiende und zwängende Kleinkindern aufregen, sollen bitte zuerst vor ihrer eigenen Haustüre kehren. Ich mag einfach nicht, wenn Fremde sich ungefragt mit Tipps und Kritik in die Erziehung einmischen und diese anprangern. Daher lautet mein Motto grundsätzlich „Leben und leben lassen“. Und doch: es gibt Situationen, wo Zivilcourage gefragt und das Affenprinzip „nichts sehen, nichts hören, nichts sagen“ völlige fehl am Platz und Tabu ist! Nämlich dann, wenn Kindern körperlich, seelisch, verbal oder sexuell Leid zugefügt werden. Kindsmisshandlung ist ein Offizialsdelikt und muss geahndet werden, genauso wie unterlassene Hilfeleistung! Ich würde es mir ein Leben lang nicht verzeihen und mir immer die grössten Vorwürfe machen, hätte ich trotz Verdacht, Vermutung oder gar Kenntnis einem Kind in Not nicht rechtzeitig geholfen, frühzeitig eingegriffen und gehandelt. Es ist an uns Erwachsenen, die schwächsten, wehr- und hilflosesten Glieder unserer Gesellschaft vor Gewalt jeglicher Art zu beschützen und zu bewahren. Das ist das Mindeste, das sind wir ihnen schuldig!

  • Rita Angelone
    3. Mai 2011 at 11:53

    Grüezi Frau Mordasini! Vielen Dank für Ihren Beitrag und schön, dass Sie wieder einmal bei uns reingeschaut haben!

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