Familienleben Schule, lesen & lernen

Mehrsprachige Familien – in welcher Sprache sollen Eltern vorlesen?

Leseanimatorin erzählt in der Stadtbibliothek Aarau auf Portugiesisch (Bild: Ayse Yavas / SIKJM)

Werbung in Zusammenarbeit mit Schweizer Vorlesetag

Leseförderung in mehrsprachigen Familien

In der Schweiz gibt es immer mehr mehrsprachige Familien, in denen Eltern und Grosseltern ihren Kindern und Enkelkindern eine oder gar mehrere Sprachen vermitteln. In welcher Sprache sollen sich diese Familien unterhalten? In welcher Sprache sollen Eltern und Grosseltern ihren Kindern und Enkelkindern Geschichten erzählen, Lieder vorsingen, Verse vortragen oder aus Büchern vorlesen? Im Rahmen des Schweizer Vorlesetags 2024 erfahren wir von Gina Domeniconi, Expertin für Leseförderung beim Schweizerischen Institut für Jugendmedien, wie mehrsprachige Eltern und Grosseltern die Sprach- und Leseförderung von Kindern am besten unterstützen können.

Gina Domeniconi hat Germanistik studiert und ist seit 2015 Mitarbeiterin am Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien SIKJM im Bereich Literale Förderung. Dort leitet sie das Leseförderungsprojekt «Schenk mir eine Geschichte – Family Literacy» mit Fokus auf der Erstsprachenförderung.

Liebe Gina, welche Rolle spielt die Familie bei der Leseförderung und was bedeutet in diesem Zusammenhang „Family Literacy“?

Der Begriff „Literacy“ bedeutet übersetzt „Lese- und Schreibkompetenz“. Projekte im Bereich Family Literacy richten den Fokus nicht nur auf die Kinder, die lesen und schreiben lernen sollen, sondern auch darauf, dass dieser Prozess innerhalb der Familie stattfindet. Dies ist deshalb sinnvoll, weil man weiss, dass viele Vorläuferfähigkeiten, die es braucht, damit Kindern später der Start ins Lesen und Schreiben gelingt, bereits in frühen Jahren erworben werden. Holt man während dieses Prozesses die Familie mit ins Boot, gestaltet er sich viel nachhaltiger, als wenn er nur bei den Kindern ansetzt. Auch für unser eigenes Family Literacy Projekt stellen Eltern die Zielgruppe dar. Wenn wir es schaffen, dass Eltern ihren Kindern zu Hause in ihrer Herkunftssprache jeden Tag – sei es nur ein paar Minuten lang – aus Büchern vorlesen oder mit ihnen Bilderbücher anschauen, gemeinsam Verse und Reime sprechen, ihnen Geschichten erzählen und dadurch ins Gespräch kommen, haben wir sehr viel gewonnen. Die zentrale Rolle der Familie – das ist die Idee hinter dem Begriff Family Literacy.

Du hast von Vorläuferfähigkeiten gesprochen – kannst du uns diese näher erläutern?

In der Schweiz kommen Kinder im Alter von 4 bis 5 Jahren in den Kindergarten und beginnen dann bereits mit dem altersgerechten systematischen Lesen- und Schreibenlernen. Doch schon in der Zeit davor erwerben die Kinder wichtige Vorläuferfertigkeiten. Zum Beispiel durch Sing- und Klatschspiele, Lieder, Verse und Reime, die wichtige Grundsteine für den Sprachenerwerb bilden. Es ist wichtig, dass Eltern wissen, dass sie in dieser Phase eine bedeutende Rolle spielen. Für Kinder, die in dieser Phase etwas verpassen, kann es im Kindergarten schwierig werden. Deshalb setzen wir uns für die Leseförderung innerhalb der Familie ein.

Eltern und Grosseltern können also die Sprachentwicklung von Kindern positiv unterstützen. Gelingt dies nur übers Vorlesen aus Büchern?

Gerade wenn ich an unser eigenes Family Literacy Projekt denke, ist es mir wichtig zu betonen, dass es auch Sprachgruppen gibt, die nicht dieselbe Buchkultur pflegen wie wir sie kennen und deshalb das gemeinsame Bücherlesen nicht so im Alltag verankert ist. Im Gegenzug haben diese Sprachgruppen häufig eine starke mündliche Geschichtenkultur. In diesem Fall sitzen Eltern und Grosseltern mit ihren Kindern und Enkelkindern zusammen und erzählen ihnen Geschichten von früher oder erfinden zusammen neue Geschichten, setzen Verse und Lieder ein. Auch diese Art der Unterstützung der Sprachförderung gehört selbstverständlich zum Family Literacy Bereich und ist sehr wertvoll.

Gerade in Bezug auf Grosseltern ist dieser Aspekt sehr spannend, denn nicht alle Kulturen und Generationen sind mit Büchern aufgewachsen. Dies bedeutet aber nicht, dass sie nicht über einen reichen Geschichtenschatz verfügen, den sie über Erzählungen weitergeben können. Insbesondere bei Familien mit Migrationshintergrund spielt die Herkunftssprache auch Jahre nach der Einwanderung in die Schweiz eine wichtige Rolle und wird den jüngeren Generationen ganz bewusst weitergegeben – auch über die Grosseltern. Fehlen diese allerdings – weil sie in ihrem Heimatland zurückgeblieben sind – droht dieser Geschichtenschatz leider verloren zu gehen. Umso wichtiger und schöner ist es in solchen Fällen, wenn es den jüngeren Generationen gelingt, den Geschichtenschatz ihrer Eltern und Grosseltern an ihre eigenen Kinder weiterzugeben.

In welcher Sprache sollen Eltern und Grosseltern ihren Kindern und Enkelkindern vorlesen oder Geschichten erzählen?

Wir empfehlen, dass jede Person in der Sprache mit den Kindern spricht und ihnen vorliest, die ihre Herzenssprache ist und die sie folglich auch am besten beherrscht. Das ist die reichste Sprache, die man als Eltern weitergeben kann. Man gibt übers Erzählen in der kompetentesten Sprache nicht nur einen grossen Wortschatz mit, sondern auch komplexe grammatikalische Strukturen, die sich auch auf eine zweite und dritte Sprache übertragen lassen. Für das Kind ist es deshalb am wertvollsten, wenn es in die Sprache hineinwachsen kann, in der die Sprecherin oder der Sprecher am kompetentesten ist.

In vielen Familien gibt es aber die Situation, dass die Herzenssprachen unterschiedlich sind. Oft kommt mit dem Schuleintritt der Kinder mit der deutschen Sprache eine weitere dazu. Wie sollen Familien damit umgehen?

Familien lösen ihr «Sprachproblem» meist intuitiv und pragmatisch. War man früher in dieser Frage viel strenger und empfahl pro Person, nur eine Sprache zu sprechen, ist es heute so, dass man je nach Situation auch abwechselt. So kann man zum Beispiel zu Hause mit den Kindern die Herzenssprache sprechen, draussen auf dem Spielplatz aber auch durchaus auf Deutsch wechseln.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Kinder die Sprachen «durcheinander» bringen»?

Wenn Kinder, die zwei- oder mehrsprachig aufwachsen, alle sprachen in einer hohen Quantität und Qualität vermittelt erhalten, so ist es auch kein Problem, wenn sie alle Sprachen mischen. Dies zeugt von Kreativität und davon, dass sie alle Sprachen gut beherrschen.

Anderssprachige Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder gut deutsch sprechen lernen und deshalb versuchen sie mit ihren Kindern Deutsch zu reden – auch wenn sie die deutsche Sprache nicht gut beherrschen. Was meinst du dazu?

Wir empfehlen Eltern in solchen Situationen zu schauen, wo die Kinder die Sprache gut erlernen können, wo sie mit Personen in Kontakt kommen können, welche die Sprache gut beherrschen. Also Situationen zu schaffen, in denen ihre Kinder die deutsche Sprache von kompetenten Personen erlernen können. Dies kann in der Spielgruppe, in der Kita erfolgen, beim Spielen mit anderen Kindern, mit anderen Eltern, die gut deutsch sprechen oder beim Besuch von Kindertheatern oder Erzählveranstaltungen. Die Eltern sollen weiterhin ihre Herzenssprache weitergeben, in ihrer Herzenssprache vorlesen oder Geschichten erzählen. Das ist das beste fürs Kind.

Sollen Eltern oder Grosseltern ab einem bestimmten Alter auf Deutsch umstellen, damit die Kinder die Sprache auch sicher gut erlernen?

Oft erleben wir, dass sich Kinder, die in den Kindergarten oder in die Schule kommen, plötzlich viel mehr mit der deutschen Sprache zu identifizieren beginnen. In der Folge wollen sie nur noch deutsch sprechen, weil das die Sprache ihrer Peers ist. Das ist eine wichtige Entwicklung, die für Eltern aber auch irritierend sein kann, weil das Kind ihnen nicht mehr in der gemeinsamen Herzenssprache antwortet. Wichtig ist, dass man Kindern nicht vorschreibt, in welcher Sprache sie sich äussern sollen und dass man all ihre Sprachen wertschätzt. Selbst darf man aber in der eigenen Sprache bleiben und darauf vertrauen, dass sich alles auch wieder ändern kann. Es gibt später noch einmal eine solche Phase, wenn die Kinder in Richtung Pubertät gehen und eine eigene Vorstellung entwickeln, welche Sprache sie wie anwenden möchten. Dieser Wunsch muss man als Eltern respektieren. Kinder sollen eine freie Sprachwahl haben. Dasselbe gilt natürlich auch für die Eltern – auch sie haben freie Sprachwahl. Deshalb ist bei vielen Eltern zu beobachten, dass sie in ihrer Sprache mit den Kindern kommunizieren, diese aber auf Deutsch antworten.

Wo finden Eltern und Grosseltern geeignete Vorlesebücher?

Die meisten Bibliotheken haben ein mehrsprachiges Angebot und können beispielsweise auch über Bibliomedia verschiedensprachige Bücher beziehen und verleihen. Es gibt auch spezifische interkulturelle Bibliotheken. Und wer die Möglichkeit hat, Bücher in den Ferien im Heimatland zu kaufen oder online zu bestellen, kann sich auf verschiedenen Plattformen  informieren, welche Bücher gerade empfohlen werden oder ausgezeichnet wurden.

Was können wir uns unter deinem Projekt «Schenk mir eine Geschichte» vorstellen und inwiefern unterstützt es das Vorlesen in mehrsprachigen Familien?

Mit dem Projekt Schenk mir eine Geschichte möchten wir Eltern mit Migrationshintergrund unterstützen, das Lesen und Geschichtenerzählen in der Familie zu pflegen. Die kostenlosen Veranstaltungen, die in 23 Sprachen angeboten werden, finden in rund 60 Gemeinden in der Schweiz statt – meist in Bibliotheken, Schulen, Familien- oder Quartierzentren. Bei diesen Events kommen Familien zusammen, die in einer dieser Sprachen Geschichten erzählen, Verse sprechen, Lieder singen und gemeinsam spielen und basteln. Dabei werden sie von vom SIKJM ausgebildeten Lesanimator:innen gezielt unterstützt. Die Leseanimator:innen sprechen zudem mit den Eltern über Möglichkeiten der Sprach- und Leseförderung in der Familie und helfen bei Fragen zur mehrsprachigen Erziehung und Integration. Die Eltern erfahren von Angeboten in ihrer Umgebung, die sich speziell an Familien mit Kindern im Vorschulalter richten: Elterntreffs, Spielgruppen, Angebote von Bibliotheken oder Deutschkurse. Im Anschluss an die Veranstaltungen haben die Familien die Möglichkeit, Bücher in ihrer Sprache nach Hause zu nehmen.

Unser Ziel ist es, über diese Veranstaltungen verschiedene Sprachen hörbar zu machen, verschiedene Sprachgruppen willkommen zu heissen und Bücher in verschiedenen Sprachen zur Verfügung zu stellen. Damit wollen wir Eltern darin unterstützen, ihre Sprache über die Welt der Bücher an ihre Kinder weiterzugeben, damit sich diese in ihrer Mehrsprachigkeit gut entwickeln können.

Vielen Dank, liebe Gina, für dieses spannende Gespräch rund um die Bedeutung von Family Literacy und eurem schönen Projekt „Schenk mir eine Geschichte“. Ich hoffe, dass wir viele Eltern und Grosseltern dazu motivieren können, die Leseförderung ihrer Kinder und Enkelkinder von Anfang an mit lustvollen Zugängen zu Geschichten in verschiedenen Sprachen zu unterstützen.


Als Schweizer Familienblog setzen wir uns seit Jahren für den Schweizer Vorlesetag ein – eine Initiative des Schweizerischen Instituts für Kinder- und Jugendmedien SIKJM. Werdet auch Teil des Schweizer Vorlesetags – sei es bei euch zu Hause, im Kindergarten, in der Schule, im Verein oder als öffentliche Vorleseveranstaltung. Unter allen, welche eine Vorleseaktion eintragen, werden fünf Überraschungsboxen mit verschiedenen tollen Preisen, unter anderem mit Büchern verlost!

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In der Schweiz gibt es immer mehr mehrsprachige Familien, in denen Eltern und Grosseltern ihren Kindern und Enkelkindern eine oder gar mehrere Sprachen vermitteln. In welcher Sprache sollen sich diese Familien unterhalten? In welcher Sprache sollen Eltern und Grosseltern ihren Kindern und Enkelkindern Geschichten erzählen, Lieder vorsingen, Verse vortragen oder aus Büchern vorlesen? Im Rahmen des Schweizer Vorlesetags 2024 erfahren wir von Gina Domeniconi, Expertin für Leseförderung beim Schweizerischen Institut für Jugendmedien, wie mehrsprachige Eltern und Grosseltern die Sprach- und Leseförderung von Kindern am besten unterstützen können.


Fragt ihr euch, wie es ums Vorlesen und Lesen steht, wenn man mit der Familie für ein paar Jahre ins Ausland zieht? Dann lest auch den Artikel von Eliane vom wunderbaren Buchblog Mint und Malve. Eliane erzählt über ihre Erfahrungen mit Büchern, dem Vorlesen und Lesen in den USA – ein sehr spannender und lesenswerter Beitrag!

Weitere spannende Beiträge, die wir rund um das Thema „Lesen“ verfasst haben, findet ihr nachfolgend:

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2 Kommentare

  • Roost Werner
    22. April 2024 at 07:52

    Liebe Rita
    Der Beitrag „MEHRSPRACHIGE FAMILIEN“ hat mich interessiert und ich habe ihn zu 90% durchgelesen. Er ist aber sehr lang, brauch viel Geduld zum durchlesen. – Ich bewege mich fast ausschliesslich unter Menschen mit Migrationshintergrund und ihren Jugendlichen. Zuerst wollte ich den Beitrag kopieren… aber ich lass‘ es, da sie mangels genügender Kenntnisse der deutschen Sprache soviel Text gar nicht lesen und nicht verstehen werden.
    Aber ICH habe jetzt Kenntnisse davon und werde die Eltern darauf ansprechen. Gegenwärtig bin ich mit Menschen aus Afghanistan – Eritrea – (Gambia/CH) – Kosovo – Nordmazedonien – Somalia – Sri-Lanka – Türkei – Vietnam unterwegs.
    Ich frage mich, wie Du nebst einer eigenen, turbulenten Familie noch den Bloc verfassen kannst! Hut ab und Gratulation. Persönlich bin ich mit meinen Aufgaben für meine Leute schon täglich 16 Std unterwegs.
    Liebe Grüsse, Werner

  • Rita Angelone
    22. April 2024 at 08:28

    Lieber Werner, danke vielmals für deine schöne Rückmeldung! Der Beitrag ist lang, das stimmt. Es ist immer eine Gratwanderung bei solchen Themen: Wie vertieft kann man das Thema ausleuchten? Wie lange wird der Text? Wer liest ihn noch? Was mich aber ausserordentlich freut, ist, dass DU bereit bist, als Sprachrohr zu fungieren. So wie ich es für den Schweizer Vorlesetag ja auch mache. Das ist so wertvoll und ich danke dir dafür, dass du dir die Zeit nimmst, die Eltern darauf anzusprechen! Dein Engagement tönt sehr spannend und stellt einen wichtigen Beitrag dar für die Integration von Menschen. Wie ich nebst meinem Familienleben noch Zeit finde für einen Blog? Ich mache es so wie du und bin täglich auch (mehr) als 16 Stunden aktiv 🙂 Ich denke, wenn man etwas mit Herzblut macht, dann kommt die Energie von selbst. Nochmals danke für deine Rückmeldung und herzliche Grüsse aus Zürich, Rita

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