Familienleben Kolumne

Mehr Schein als Sein

Das englische Wort „Wannabe“ ist eine eher abschätzige Bezeichnung für ein „Möchtegern“. Der Begriff wird häufig mit der glamourösen Hollywood-Welt in Verbindung gebracht, in welcher manch einer versucht, wie jemand anderer, besserer zu sein oder einer bestimmten, vermeintlich angesehenen Gruppe anzugehören. Auch Neulinge werden oft auf diese Art bezeichnet.

In der Welt frischgebackener Mütter gibt es auch „Wannabes“. Dabei handelt es sich um Mamis, die so früh wie möglich schon mit allen Wässerchen gewaschen sein und sich zur Gruppe der reich erfahrenen und vor allem schwer geprüften Müttern zählen wollen.

So habe ich innert weniger Tage gleich mehrere Gespräche unter Müttern mitverfolgt, die sich alle gegenseitig zugetextet haben, wie oft schon und in was für ausgeprägten Formen ihre Säuglinge nicht nur gewöhnliches Fieber, sondern schüttelnde Fieberkrämpfe, nicht nur herkömmlicher Husten, sondern lebensbedrohliche Pseudo-Krupp Ausbrüche und nicht nur einfach nächtliche Angst, sondern panikartige Pavor nocturnus Anfälle erlitten hätten. Es scheint: je mehr und extremer der Grenzerfahrungen umso höher und angesehener der Status innerhalb der Muttergruppe.

Ironischerweise würde ich aus Sicht dieser Heldinnen des Familienalltags und Expertinnen in Sachen Kindernotfälle wohl selbst abschätzig als Neuling, als „Wannabe“ bezeichnet werden, da ich – obwohl zweifache Mutter und doch auch schon bald fünf Jahre im Geschäft – über keinerlei ebenbürtiger Krisen- und Katastrophenerfahrung aufweise.

Mir jedenfalls bleibt schleierhaft, weshalb man sich auf einem Gebiet profilieren will, in welchem man normalerweise noch so froh sein müsste, über keinerlei Erfahrung zu verfügen. Ich kann nur boshaft vermuten, dass es sich bei diesem Verhalten im weitesten Sinne um eine Äusserung des Wunsches nach Aufmerksamkeit handelt. Und wenn dem so wäre, würde es zu „Wannabes“ ja bestens passen.

mittwochs immer im Tagblatt der Stadt Zürich

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3 Kommentare

  • erica
    18. Oktober 2010 at 09:43

    Einerseits gibt eben die, die alles gehabt und erlebt haben, und dann gibts ja auch die, die haben nie ein Problem. Es scheint, als gäbe es keine normalen Mütter mehr.

  • Katharina Bleuer
    19. Oktober 2010 at 07:44

    Und dann gibt es die, die eine volle Ladung abgekriegt haben und bis an ihr Lebensende froh sind, wenn ein Schnuderi wirklich nur ein Schnuderi ist und kein Grund, die Ambulanz zu rufen.
    Als Mutter eines Kindes, das wirklich krank war, finde ich die Inflation der Pathologien auf jeden Fall arg befremdlich. Obwohl sie ja gut gemeint sind, hinterlassen Bemerkungen, wie „meiner kötzelt auch viel“ bei einer Mutter, deren Kind wochenlang wegen aspirierter Magensäure im Kinderspital lag, einen komischen Geschmack im Mund (der nicht vom Reflux kommt).

  • Rita Angelone
    19. Oktober 2010 at 15:31

    Genau deshalb, liebe Katharina, habe ich mich über diese Wannabes aufgeregt. Es scheint, als möchten die wirklich auch mal etwas ganz Schlimmes erleben, damit sie dann darüber berichten können, um dann im Mittelpunkt zu stehen. Das Thema Reflux hat uns auch beschäftigt, beim Grossen. Und er war eine Woche lang im Spital. Und ich wär nur froh, wenn ich in diesem Bereich nichts mehr zu erzählen hätte….
    In diesem Sinne wünsche ich dir und deinem Kind nur noch alles Gute!

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