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mal ehrlich: Die Working Mom ist passé

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay
Dieses Interview ist in Zusammenarbeit mit mal ehrlich: entstanden

Von „Any Working Mom“ zu „mal ehrlich:“

Wer kennt sie nicht? Any Working Mom, die erfolgreiche Plattform, die vor acht Jahren durch die bekannte Fernsehmoderatorin Andrea Jansen lanciert wurde und unterdessen an die 100’000 Menschen erreicht? Stand für die Gründerin zu Beginn die “Working Mom” als Symbol für Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie im Zentrum, hat sich Andreas Fokus im Verlaufe der Zeit auf die ebenbürtige Sorgearbeit als wichtige Voraussetzung für Gleichberechtigung geweitet und immer mehr auch Väter und nonbinäre Eltern in den Diskurs miteingeschlossen. Aus Any Working Mom wird als logische Folge deshalb mal ehrlich: – das Motto, das von Anfang an schon Andreas Markenzeichen war. In einem spannenden Gespräch gewährt uns Andrea einen Blick hinter die Kulissen ihres Engagements und verrät uns mehr über die Hintergründe, Chancen und Risiken der Umbenennung.


Andrea Jansen ist Unternehmerin, Stiftungsrätin, Journalistin und Mutter von drei Kindern. 2016 hat sie Any Working Mom gegründet und lange als CEO geführt. Davor war sie einige Jahre als Fernsehmoderatorin für das Schweizer Fernsehen auf Bühnen, Rinderfarmen und meistens eher einfach als luxuriös unterwegs.

Andrea reist gerne durch das Leben und um die Welt, versucht, weniger zu micromanagen und mehr zu schlafen.

Liebe Andrea, wie du uns in einem früheren Gespräch erzählt hast, ist Any Working Mom (AWM) vor 8 Jahren aus dem Wunsch entstanden, mit ehrlichen Worten über die Unvereinbarkeit von Erwerbs- und Carework zu schreiben. Sind aus den Worten auch Taten geworden? Hat euer Engagement etwas in Bewegung gesetzt?

Ja, ich finde definitiv, dass wir etwas anstossen konnten. Wir erreichen aktuell über all unsere Kanäle zusammen ungefähr 100’000 Personen im Monat, die sich mit unseren Themen auseinandersetzen. Das heisst nicht, dass wir uns immer einig sind – aber es entstehen Denkanstösse und ein Dialog. Manchmal mit uns, oft aber auch einfach bei den Eltern zu Hause, die unsere Beiträge als Aufhänger nehmen für eine Diskussion, die sie vielleicht schon lange haben wollten oder für die ihnen die Worte fehlten. Die Veränderungen passieren also im Alltag, im kleinen, jeden Tag.

Und auf der anderen Seite haben wir in den letzten Jahren auch Tabuthemen angesprochen, die selten öffentlich angesprochen wurden. Ich denke dabei an emotionale Gewalt, an sexuelle Probleme, die durch Überforderung entstehen, an einen ganz ehrlichen, unverklärten Blick auf die Geburt oder auch die Perimenopause, die aktuell auch in den breiten Medien einen Boom erfährt. 

Wir glauben, es ist bereits eine Veränderung, wenn sich jemand dank unseren Inhalten über Artikel, Podcasts und Social Media mit seinen Sorgen nicht mehr so alleine und vor allem schuldig fühlt. Wenn wir dabei helfen können, Druck wegzunehmen, dann ist das eine positive Veränderung und für uns ein Erfolg. Dass das passiert, dürfen wir fast täglich dank Mails in unserer Inbox erfahren. 

Wie würdest du den Denkwandel bei Müttern und Vätern in den letzten Jahren beschreiben?

Schwierig zu sagen, da ich denke, je nach sozialem Umfeld gibt es sehr starke Unterschiede. In urbanen Gebieten oder in Gruppen, wo Frauen sich stark austauschen, sind Begriffe wie “Mental Load” oder “Carework” im täglichen Gebrauch. Vielerorts haben Eltern aber noch immer keine Worte für die ständige Überforderung, die sie fühlen, und für die sie die Schuld sehr oft ausschliesslich bei sich selber suchen. Deshalb denke ich, gibt es da noch sehr viel Raum für Aufklärung. 

Ich glaube, “Gleichberechtigung” oder “Feminismus” sind Schlagworte, die zum Teil abschrecken, oder die sofort als Kritik aufgefasst werden am eigenen Tun, wenn man beispielsweise eine sehr klassische Rollenverteilung lebt. Uns ist es wichtig, hier Gegensteuer zu geben: Selbstbestimmung heisst, selber wählen zu können. Und andere Lebensmodelle zu respektieren – seien das traditionelle, oder eben progressive.

Wir merken hier in der eigenen Community schon einen starken Wandel weg vom Verurteilen zum kritischen Hinterfragen oder zum Zuhören: jemand macht es anders als ich – warum? Empathie ist für uns der Schlüssel für eine nachhaltige Veränderung. Sie lässt uns flexibler werden in unseren Vorstellungen, so, dass wir uns gegenseitig unterstützen können, auch wenn wir nicht den gleichen Weg wählen. 

Nun habt ihr entschieden, euer Themenfeld zu erweitern. Besteht das Risiko, dass ihr euch «verzettelt»? Haben euch Marketing- und Kommunikationsexperten vielleicht gewarnt, gar davor abgeraten? Warum tut ihr es trotzdem?

Das Risiko besteht, klar – nur eben sind die Ursachen dafür, dass Vereinbarkeit und Selbstbestimmung noch immer schwierig zu leben sind, sehr facettenreich. Und viele Hürden, die wir im Alltag als Eltern erleben, haben ihren Keim in einem System, dass es uns unglaublich schwierig macht. Ein sehr konkretes, symbolhaftes Beispiel: Nach der Geburt des ersten Kindes hat ein Paar plötzlich viel mehr Streit. Sie ist müde, überfordert, versucht die Identitätskrise, die mit dem Elternwerden einher geht, zu verarbeiten. Und findet sich in der Regel auch in einer unglaublich verantwortungsvollen Rolle wieder: CEO des Familienunternehmens. Er geht spätestens nach zwei Wochen Vaterschafts”urlaub” wieder zur Arbeit und übernimmt, wo er kann – trotzdem ist seine Frau gereizt, vermeintlich “undankbar” für seine Hilfe und er fühlt sich auch nicht gesehen, da er ja so viel arbeitet, um die Familie finanziell zu stützen. 

Hier hilft es ungemein, wenn beide Elternteile verstehen: durch die Umstände – Mutter- und Vaterschaftszeit, soziale Erwartungen vom Umfeld, Glaubenssätze in unserem Kopf – sind wir in Rollen, die wir vielleicht nicht aktiv so gesucht haben. Deshalb machen sie uns nicht glücklich. Auch wenn uns das Kind unglaublich glücklich macht. Das ist ein SYSTEMFEHLER -kein Fehler, den WIR machen.

Ebenfalls hilft es, die Arbeit gegenseitig zu schätzen und zu “sehen”: Carework ist pausenlos, unglaublich anstrengend, mit “chly Käfele” hat das nichts zu tun. Gleichzeitig ist auch der Druck auf die finanzielle Verantwortung nicht zu unterschätzen, den viele Hauptverdiener spüren – ganz zu schweigen von Alleinerziehenden oder Familien, in denen beide Elternteile voll erwerbstätig sind. Gerade Arbeit wie die “Mental Load” mit ihren verschiedenen Ausprägungen wird halt oft nicht gesehen, geschweige denn geschätzt – und hier kann zum Beispiel mancher Streit vermieden werden, wenn beide Elternteile WISSEN, dass es einen Namen gibt für diesen unterschwelligen Stress und dass andere ihn auch fühlen. 

Und ja, die Marketingexperten, mit denen wir gesprochen haben, haben natürlich ganz klar gesagt: Ihr setzt hier einen etablierten Brand aufs Spiel, und auch in Sachen SEO könnte es für euren Traffic kritisch werden. Trotzdem war es für uns irgendwann unumgänglich – im Sinne von Ehrlichkeit zu uns selber und unserer Integrität als Marke, diesen Schritt zu tun. 

Mit dem breiteren Themenfeld gehen auch eure zahlreichen Publikationskanäle einher. Welches Bouquet an Inhalten bietet „mal ehrlich“?

Bei uns gibt es Kolumnen, tief recherchierte Artikel, Erfahrungsberichte von einzelnen Personen – wir suchen für jedes Thema die passende Form. Manchmal sind wir lustig, manchmal sehr ernst. Und natürlich sind wir auf sehr verschiedenen Kanälen zu finden: Der Kern bildet unser Online-Magazin, wir haben mehrere Podcasts, eine Videoserie, informieren unsere Community einmal pro Woche via Newsletter und der Dialog auf Social Media – Instagram, Facebook, Pinterest und LinkedIn) ist uns unglaublich wichtig. 

Das mal ehrlich-Team

Wie ist euer Unternehmen aufgestellt? Wieviel Zeit investiert ihr für alle eure Kanäle? Und: Wie verdient ihr eure Brötchen?

Wir sind aktuell 10 Personen, alle in Teilzeitpensen. Da wir zudem über 3 Zeitzonen verteilt sind, findet unsere Arbeit primär remote und asynchron statt – das heisst wir arbeiten mit digitalen Tools, um uns auszutauschen und unsere Redaktionsplanung zu machen. Wieviel Zeit wir investieren pro Kanal, kann ich so nicht sagen – das variiert auch stark. Aber unsere Redaktion ist aktuell 5-köpfig, eine Person kümmert sich um unseren Onlinestore, zwei Personen um unsere Werbe- und Kooperationsleistungen, unsere Geschäftsführerin hält alle Fäden zusammen und ich bin überall da stark involviert, wo es um Strategie oder neue Projekte geht. 

Wir finanzieren uns mit unserem Online Store mit dem Motto und Leistungsversprechen #daschamebruuche und mit Werbe – und Kooperationsleistungen. mal ehrlich ist auch hier unsere Leitlinie – wir wollen unserer Community nichts “andrehen”, das wir selber nicht gut finden. Deshalb testen wir im Store alle Produkte im Team, und wir werben auch nur für Produkte oder Dienstleistungen, hinter denen wir stehen können. Was nicht heisst, dass es nicht ab und zu im Team heisse Diskussionen darüber gibt 😉

Wieviel Ehrlichkeit ist über Soziale Medien heutzutage wirklich vorhanden? Sind Begriffe wie Ehrlichkeit, Authentizität oder «Für mehr Realität auf Instagram» nicht einfach nur auch eine derzeit trendige Augenwischerei? Von euch selbst, von euren Herausforderungen etc. verratet ihr nicht sehr viel. Beisst sich das nicht ein wenig?

Findest du? Wir finden eigentlich, dass wir sehr oft und viel über unsere eigenen Struggles berichten. Vielleicht ist es nicht mehr so konzentriert auf einzelne Personen, da wir ein grösseres Team sind. Und auch, weil wir so viele Inhalte transportieren möchten – wir wollen ja unsere Beiträge kommunizieren und die sind oft von oder mit Drittpersonen oder Expert:innen. Wir wollen und müssen unsere Produkte verkaufen, damit wir unsere Rechnungen bezahlen können und wir teilen Content von Dritten, den wir wichtig finden. Aber ganz ehrlich, wir haben jetzt noch nie aktiv eine Herausforderung verschwiegen. Wenn wir eine Geschichte nicht erzählt haben auf Social Media, dann vielleicht bewusst, weil es nicht der richtige Kanal ist mit seiner “Häppli”-Konsumation. Bei einigen Themen braucht es mehr Erklärung, mehr Tiefe. Aber dafür haben wir ja unsere anderen Kanäle, die das zulassen. 

Immer mehr Journalisten, Autoren, Fernsehleute und Content Creators haben ihre eigenen Event-Reihen oder Bühnenshows. Zeichnet sich ein neuer Trend ab? Erweitert ihr euer Portfolio ebenfalls in diese Richtung?

Wir haben am 14. März 2024 mit „Einladung zum Elternabend“ ja unseren ersten Live-Event durchgeführt. Wir gehen sehr fest davon aus, dass es nicht der letzte war. So ein naher, ungefilterter Austausch mit der Community ist natürlich unglaublich spannend!

Was ist für euch das Schönste an eurem Tun? Das Schwierigste?

Das Schönste sind die Feedbacks, die wir erhalten. Das Wissen, dass wir irgendwo bei irgendwem einen Unterschied machen durften. Das freut uns ehrlich IMMER und wir haben spezifisch einen Kanal in unserem Kommunikationstool “Slack”, wo wir solche Messages im Team teilen. 

Das Schwierigste ist der Anspruch, eine Purpose zusammen zu bringen mit der Finanzierung. Sobald Geld ins Spiel kommt, wird Glaubwürdigkeit von aussen angezweifelt. Aber wir geben hier unser bestes, unsere Werte eben auch hier einzubringen. Trotzdem: da wir keine Gebühren – oder Stiftungsgelder – erhalten und auch nicht von einem grösseren Verlag querfinanziert werden, sind wir gezwungen, Geld zu verdienen. mal ehrlich ist kein Hobby – sondern eine AG. Und alle unsere Mitarbeiter:innen sollen für ihre Arbeit branchengemäss vergütet werden.

Merci vielmals, liebe Andrea, für diesen Einblick in dein Tun! Wir wünschen dir und dem ganzen mal ehrlich-Team weiterhin viel Erfolg und viel Freude! 

Weitere interessante Fakten rund um mal ehrlich findet ihr auf der neuen Webseite.

Bei unserer lieben Blogger-Freundin Eliane findet ihr auserwählte Buchtipps aus dem mal ehrlich:-Concept-Store sowie aus ihrem Buchblog „Mint und Malve“ – hier gehts zum Beitrag. Und bei unseren lieben Freunden von mamarocks.ch könnt ihr ein weiteres spannendes Interview mit Andrea lesen:

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1 Kommentar

  • Eliane
    7. April 2024 at 20:03

    Liebe Rita, danke für den spannenden Einblick, den du bzw. Andrea mit dem Interview gebt! Liebe Grüsse, Eliane

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