Dolce Vita Familienleben Gastbeiträge Schule

Italien: Alles eine Frage der Verantwortung

Wer Schulkinder hat, gehört automatisch einem anderen Planeten an. Dem Planeten „Schule“. Wohl ist das Kind dort gut aufgehoben, aber ein unsichtbarer Faden verbindet es trotzdem mit mamma und papà. Dieser Faden wird in diversen Aufgaben sichtbar, den die Eltern zu übernehmen haben: Neu müssen sie etwa den „Patto di Corresponsabilità“, den „Pakt der Mitverantwortlichkeit“ unterschreiben, bei dem sich die Schule selber Aufgaben auferlegt, aber auch dem Schüler und  dessen Eltern eine gewisse Mitverantwortung aufbürdet. Darin steht dann etwa: „Die Eltern bemühen sich, die Newsseite der Schule regelmässig zu lesen.“ Oder „Die Eltern bemühen sich, an den Elternabenden teilzunehmen.“

So weit, so gut. Aber der Faden führt noch weiter: Die Kinder müssen bis zur scuola media, also bis zur Oberstufe, von einer erwachsenen Person begleitet und wieder abgeholt werden. Und wenn nicht Mami oder Papi selber bei Schulglockengeläut vor der Schule stehen, müssen sie ein Formular ausgefüllt haben, indem die Namen der dafür delegierten Personen erwähnt sind. Plus Kopie des Ausweises, jawohl. Und am besten, man schreibt jeweils ins Schultagebuch, wenn man es nicht selber abholt. Denn ja, das Kind darf nur von erwachsener Person zu erwachsener Person „weitergegeben“ werden. Oder wie es ein Schulpräsident an einem Elternabend ausdrückte: „Es funktioniert wie in der Kühlkette: Die Kinder müssen von Erwachsenem zu Erwachsenem weitergegeben werden, wie der Fisch von Kühlschrank zu Kühlschrank transportiert wird.“ Der Vergleich mit der Kühlkette scheint an den Haaren herbeigezogen zu sein, stimmt aber. Erst in der Oberstufe darf das Kind selber den Schulweg unter die Füsse nehmen. Aber auch nur, wenn die Eltern vorgängig ein Formular unterschrieben haben, dass sie die Verantwortung übernehmen. Alles ist letztlich eine Frage der Verantwortung.

In der Primarschule meines Jüngsten haben wir das Glück,  diese ausschliesslich zu Fuss zu erreichen, denn sie liegt auf einer Anhöhe und das schmale und steile Strässchen wird zu den Bring- und Abholzeiten gänzlich vom Schulbus beansprucht.  Ein Grund für viele Eltern, den Sprössling in eine andere Schule zu schicken (oh ja, in Italien herrscht freie Schulwahl!). Das Elterntaxi, wogegen man in der Schweiz derzeit ankämpft wie gegen Unkraut, funktioniert dort nicht. Aber normalerweise ist dieses in Italien gang und gäbe. Und verursacht zu Stosszeiten viel Verkehr und Parkplatzprobleme rund um die Schulhäuser. In Süditalien, erzählte mir mal eine Freundin, muss man die Kinder zu zweit abholen. Als ich ganz erstaunt nach dem Grund fragte, antwortete sie salopp: „Ja weisst Du, es gibt ja keine Parkplätze, also stellt man sich in die zweite oder dritte Reihe am Strassenrand und da muss jemand im Auto bleiben, um dieses jederzeit wegzufahren zu können.“ Oha, andere Regionen, andere Sitten. Neu gibt es vielerorts den „Pedibus“, also ein „menschlicher“ Bus in Form eines Elternteils, der an den einzelnen „Haltestellen“ (die sind wirklich mit einem Schild gekennzeichnet) Kinder abholt und so zur Schule bringt. Soll gut funktionieren, ist aber auch hier eine Frage der Verantwortung. Und so wären wir wieder am Kernpunkt des Problems angelangt. Hauptsache, die Fische verderben nicht!

A presto!


Sarah Coppola-Weber ist gebürtige Ostschweizerin mit italienischem Pass. Sie lebt mit einem neapolitanischen Ehemann, zwei Töchtern (14 und 11) und einem Sohn (7) seit 17 Jahren in der Nähe von La Spezia. Für “Die Angelones” schreibt die angehende Doula über Familien -, Gesundheits- und Ernährungsthemen und lässt dabei die LeserInnen am facettenreichen italienischen Alltag teilhaben, wo der Ausnahmezustand oft an der Tagesordnung und von „dolce far niente“ keine Spur ist!

Mehr über Sarah und ihre Familie erfährt ihr in im spannenden Interview, das wir mit ihr führen durften!

Seid gespannt auf Sarahs nächster Bericht, in welchem sie uns erzählen wird, wie es an italienischen Weihnachtsfeiern so zu und her geht!

Sarahs bisher erschienene Beiträge könnt ihr hier nachlesen:

Dies koennte dir ebenfalls gefallen

2 Kommentare

  • Tanja
    22. November 2016 at 08:24

    Naja, ich habe 15 Jahre in Italien gelebt und bin auch zur Schule gegangen. Sagen wir es mal so: meine connazionali erledigen alles mit dem Auto. Sie laufen keine 100 mt! Bei uns würde sogar ein vigile urbano ( Straßen Polizist) organisiert damit es nicht zu Stau vor der Schule kommt. Die Verantwortung will dann niemand übernehmen nel Belpaese…. darum muss man immer genau wissen, wer angesprochen werden kann falls etwas nicht nach Plan läuft… aber auch dann findet man einen Weg den anderen trotzdem zu beschuldigen

  • Katharina (Mama hat jetzt keine Zeit)
    22. November 2016 at 10:03

    Den Pédibus gibt es hier im Welschen auch, aber in den meisten Ortschaften ist er ein Angebot, kein Zwang. Unsere Unterstüfeler gehen im Nachbardorf zur Schule, sie müssen dafür den Linienbus nehmen. Sie werden von den Eltern an den Bus gebracht und im anderen Dorf von einer Patrouilleuse in Empfang genommen, die sie geordnet zum Schulhaus bringt. Sie sind also nur im Bus unbegleitet.

Hinterlasse eine Nachricht

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.