Familienleben Gastbeiträge

Familie im 50/50 Teilzeitmodell

Familie im 50/50 Teilzeitmodell
Beim 50/50 Familien-Teilzeitmodell teilen sich Eltern alle Aufgaben

Familie und Beruf unter einen Hut bringen

Wir sind Eltern. Seit fast fünf Jahren. Unser Start ins Familienleben war chaotisch – wir wurden ungeplant schwanger. Mittlerweile ist Kind Nummer 2 da und bereits 1 1/2 Jahre alt. Wir leben einen lauten, chaotischen und bewegten Familienalltag. Der normale Wahnsinn, so wie in allen Familien. Windelwechseln im Akkord, Geschirrspüler ein- und ausräumen ohne Ende. Die Waschberge türmen und vermehren sich so schnell, dass man die Reinigung der Kleider fast für überflüssig halten könnte. Wir arbeiten beide im Teilzeit Pensum, ich zwischen 60% und 70% und mein Partner 70%. Trotz einigen Herausforderungen sind wir sehr zufrieden, dass wir uns für das 50/50 Teilzeit-Familienmodell entschieden haben.

Herausforderung Familienleben

Wir sind zu zweit – mein Partner und ich – wir kümmern uns um unsere beiden Kinder (4 und 1 1/2). Wir erledigen diese alltäglichen, immer wiederkehrenden Aufgaben gemeinsam. Wir trösten unsere Kinder zu gleichen Teilen, wir waschen, putzen, kochen und fangen Trotzanfälle auf. Wir sind beide wahnsinnig müde von den anspruchsvollen Nächten mit unserem Sohn und schleppen uns beide Zombie-mässig ins Büro. Wir lesen beide Jesper Juul und andere Ratgeber, sind oft verzweifelt oder ratlos, wenn ein Wutanfall dem nächsten folgt. Wir beraten uns gegenseitig oder streiten zu Erziehungsfragen und verstehen einander, wenn man sich nach einem Tag mit den Kindern ins entspannende Büro zurücksehnt. Wir arbeiten beide im Teilzeitpensum. Wir empfinden unseren Beruf beide als bereichernd, als Abwechslung. Und obwohl wir anspruchsvolle Jobs haben – als willkommene sowie nährende Ergänzung im stürmischen Alltag mit Kindern.

Plötzlich Eltern

Mein Partner und ich kannten uns knapp ein halbes Jahr. Nach einer Reise mit unserem VW Bus vor 6 Jahren, durchzechten Nächten und viel Spass, kam nach der Rückkehr der Schwangerschaftstest. Ich erinnere mich noch genau: Ich war in meiner Zürcher 3er-WG und machte den Test. Nebenbei legte ich ihn auf den Tisch, hüpfte unbeschwert daran vorbei und warf ein Auge auf das Ergebnis. Die beiden Strichli da, ich werde sie nie mehr vergessen. Und alles was danach kam, auch nicht. Es sollte unser Leben für immer und sehr nachhaltig verändern. Ich sagte es meinem Partner am gleichen Abend. Die Gefühle überschlugen sich. Da war Glück. Neugier. Ehrfurcht vor dem neuen Leben. Pure Überforderung und Unsicherheit. Dass die Intensität unserer Verliebtheit ein Baby entstehen lässt, fanden wir faszinierend. Gleichzeitig war da eine riesige Angst, meine Freiheit zu verlieren, dem Ernst des Lebens nun zu begegnen. Was würde nun aus meinem Beruf? Aus all den Plänen mit Reisen und Weiterbildungen? Natürlich hatte ich auch gehörigen Respekt vor der Schwangerschaft. Was würden die hormonellen und körperlichen Veränderungen bei mir auslösen?

Die Zukunft planen

Wir hatten keine gemeinsame Wohnung, keine Ersparnisse oder sonstige Sicherheiten. Noch nicht einmal gestritten hatten wir bis dahin. Wir hatten keine Konfliktkultur und wussten eigentlich noch nicht mal, wie der andere in anspruchsvollen Lebenssituationen tickt. Bis da hatten wir nur die Sonnenseiten gemeinsam erlebt. Wir hatten schlicht keine Ahnung, wie wir als Paar längerfristig und als Eltern sein würden. Trotzdem war uns schnell und bewusst klar, dass wir das Abenteuer ins unbekannte Elternsein gemeinsam eingehen wollen. Wir waren über 35 Jahre alt und teilten beide, wenn bis dahin auch diffus, einen Kinder- beziehungsweise Familienwunsch. Die unbeschwerten Verliebtheitsmomente mit unendlich langen Gesprächen, durchzechten Nächten, Wein und Spass, wichen ernsthaften Diskussionen rund um das zukünftige Familienleben. Wir planten unseren gemeinsamen Alltag. Die neue Realität mit dieser wahnsinnig grossen Verantwortung wurde mir je länger je mehr bewusst. Wir sprachen über etwas, das bisher nur in er Theorie stattfand. Woher sollte ich wissen, was mir im Familienalltag wichtig war und was ein Baby mit meinen Gefühlen sowie Prioritäten im Leben macht? Was stellte sich mein Partner unter einem Vater vor? Wie sah ich die Mutterrolle? Welche Grundwerte waren uns wichtig? Wollten wir Fremdbetreuung? Was ist mit dem Beruf? Wer gibt wieviel und was? Wir verhandelten. Debattierten. Sprachen ehrlich über unsere Bedürfnisse, Ängste, Unsicherheiten und Hoffnungen. Wir waren uns nicht immer und in allen Themen einig.

Das richtige Familienmodell

Es war ein Prozess mit dem Ziel, das für uns richtige Familienmodell zu finden. Der Prozess reifte im gemeinsamen Gespräch und in der Auseinandersetzung mit den konkreten Fragen, die wir uns stellten. Wir mussten akzeptieren, dass es auf vieles noch keine Antworten gab. Umso wichtiger schien uns, Offenheit und Flexibilität zu behalten, um auf Veränderungen in Gemüts- oder Bedürfnislagen nach der Geburt reagieren zu können. Wir konnten uns beide Fremdbetreuung vorstellen, trotzdem wollten wir so viel Zeit wie möglich mit dem Kind verbringen. Der Beruf war uns beiden wichtig und sollte für beide Bestandteil vom Alltag sein. Wir wollten, dass unser Kind Vater und Mutter gleichwertig in der Erziehung erleben soll. Relativ schnell war klar, dass wir uns zu gleichen Teilen in allen Bereichen engagieren wollen. So kamen wir – zumindest mal in der Theorie – auf unser 50/50 Modell. Dafür mussten wir beide die beruflichen Ambitionen für den Moment zurück stellen.

Schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Als ersten Schritt reduzierten wir unser Pensum. Mein Freund wagte den Vorstoss und bat um eine 70% Anstellung (vorher waren es 100%). Ich selbst reduzierte von 80% auf 60%. Das neue Pensum meines Partners wurde erst nach einigen Anläufen genehmigt. Als Minimum wurden in seinem Bereich 90% deklariert. Er präsentierte Lösungsvorschläge und suchte die Diskussion. Obwohl flexible Arbeitsmodelle und Teilzeit für Männer in Politik und Wirtschaft vermeintlich gefördert werden, gestaltete sich die Umsetzung anspruchsvoll. Meine Reduktion wurde zwar genehmigt. Ich sollte jedoch nach Mutterschaftsurlaub in einer anderen Funktion zu schlechteren Bedingungen zurückkehren. Das war ein Schock. Ich hatte meinen Job bisher immer gut und gern gemacht. Ich hatte das Gefühl, als werdende Mutter im Berufsleben nicht mehr ernst genommen zu werden und fühlte mich ungerecht behandelt. Also suchte ich das Gespräch mit weiteren Vorgesetzten und erreichte, dass ich meine Funktion zum reduzierten Pensum behalten konnte.

Verantwortung teilen

Als meine Tochter dann zur Welt kam, stellte sich für uns die Welt noch einmal völlig auf den Kopf. Ich erlebte eine postpartale Depression. Dieses schwarze Loch, die Antriebslosigkeit und Hoffnungslosigkeit in dieser Zeit, war eine existenziell bedrohliche gross Krise. Für die Beschreibung der Gefühlsachterbahn, die mich damals begleitete, gibt es kaum die passenden Worte. Dank viel Unterstützung, Eigeninitiative und schlussendlich, weil mein Partner so oft Zuhause war, ging es mir schnell besser. Ich empfand es als enorm entlastend zu wissen, dass die Verantwortung des Eltern-Seins nicht allein bei mir liegt und er für mein Kind genauso da sein konnte wie ich. Inzwischen haben wir zwei Kinder. Wir bleiben im 50/50 Modell. Es hat sich bewährt und im Moment können wir uns beide nichts anderes vorstellen.

50/50 Teilzeitmodell – Chancen und Risiken

Klar, es gibt auch die berühmten Schattenseiten. Die Lohneinnahmen sind geringer als in einer Vollzeit / Teilzeit Konstellation (meist hat man in einem Teilzeitpensum nicht den Milliardärsjob…). Die Flexibilität ist eingeschränkt. Keiner von beiden kann mal schnell das Pensum erhöhen oder reduzieren. Wir haben beide auf Karrieremöglichkeiten – zumindest im Moment – verzichtet und die berufliche Verwirklichung als sekundär gewichtet. Wenn ein Erwerbseinkommen ausfällt, wird’s verdammt knapp (aber das wird es bei einem Vollzeit Arbeitenden ja auch). Der Organisations- und Abstimmungsaufwand ist exorbitant. Wir führen Excel Listen mit der Einteilung wer, wann abholen, bringen, übernehmen und betreuen kann. Mit Kindergarteneintritt hat sich das Ganze nochmal verkompliziert. Das Konfliktpotential ist in dieser Konstellation höher. Weil beide Partner überall mitreden können und die Ressorts nicht so klar verteilt sind wie in herkömmlichen Modellen, entsteht Reibungsfläche. Trotzdem: Es lohnt sich. Wir sind als Paar auf Augenhöhe. Wir verstehen beide, warum ein Tag mit den Kids uns verzweifelt und gleichzeitig himmelhochjauchzend stimmen kann. Wir schätzen beide die Tage im Büro. Wir müssen uns gleichermassen mit Fragen der Elternschaft auseinandersetzen. Wir haben beide das Risiko hinsichtlich Vorsorgebeiträgen. Wir zahlen beide weniger Beiträge ein aufgrund des Teilzeitpensums, gleichzeitig können wir aber unabhängig voneinander unsere individuelle Vorsorge sichern. Es ist uns wichtig, den Kindern vorzuleben, dass Frau und Mann gemeinsam eine Familie managen können. Die Kinder sollen von einem gleichwertigen Rollenverständnis profitieren. Dazu gehört, dass eben beide Elternteile alles machen können. Wir sind Ansprechpartner für beide Kinder, trösten, bringen sie ins Bett, pflegen wenn sie krank sind. Jeder auf seine Art. Wir lösen Dinge unterschiedlich – und genau davon profitieren unsere Kinder. Die Kinder holen sich von jedem Elternteil das was sie brauchen. Wir unterstützen uns gegenseitig und lernen voneinander. Wir streiten uns über Uneinigkeiten, weil wir uns beide zuständig und verantwortlich fühlen. Mein Partner und ich sehen Familie als unser gemeinsames Projekt, mit allen Vor- und Nachteilen. Wir investieren als Paar viel Zeit in Abstimmung, Organisation, Gespräch. Wir müssen gut in Kontakt bleiben, ständig neu evaluieren, ob es noch für beide passt und die Balance von „wer gibt was und wieviel“ für beide vorhanden ist. Das ist aufwändig und kann konfliktreich sein.

Vorteile überwiegen

Es zahlt sich aber auf Dauer aus und hat einen positiven Effekt auf die Zufriedenheit aller. Davon bin ich überzeugt. Paare, die sich gemeinsam für ein Kind entscheiden, vergessen oft die Auseinandersetzung mit der Frage wie das Familienleben und die Aufgabenverteilung konkret gestaltet werden soll. Es passiert nicht selten, dass sich Frauen nach der Geburt in den herkömmlichen Rollen wiederfinden, ohne dass sie sich bewusst so entschieden hätten. Die Gründe hierfür sind vielfältig und nicht zuletzt durch unser System bedingt. Deshalb ist eine bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Wünschen und Vorstellungen bezüglich Rolle in der Familie, unabhängig ob Mann oder Frau, vor der Geburt des Kindes so wichtig. Unsere Kinder sind die Zukunft. Sie machen später Politik, gestalten unser Wirtschaftssystem. Wenn wir wollen, dass sich das Rollenverständnis von Frau und Mann in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft mehr in Richtung Gleichstellung bewegt, müssen wir vorleben und vor allem neue Strukturen schaffen welche eine egalitäre Aufgabenverteilung zulassen. Unsere Kinder sind auch unsere Chance, die Welt zu verändern.

Was hält ihr von diesem Teilzeitmodell? Wie habt ihr euch als Eltern organisiert? Was wäre eure Wunschvorstellung?

Weitere Einblicke in dieses Familien- und Arbeitsmodell erhält ihr auch beim Zuhören der spannenden Podcast-Folge mit Andrea:


Andrea Huber ist Psychologin, arbeitet als HR Beraterin und lebt mit ihrer Familie in Zürich. Yoga ist ihre Leidenschaft, als Sport und als Philosophie. Sie beschäftigt sich gerne mit den (Sinn)Fragen des Lebens. Ihr Alltag ist chaotisch, laut und alles andere als perfekt. Andrea setzt sich dafür ein, dass Familien in der Schweiz mehr Wertschätzung und Unterstützung erhalten. Frauen und Männer in der Familiengründungsphase brauchen Möglichkeiten, um Familie und Beruf zu vereinbaren. Dafür müssen Politik, Wirtschaft und Menschen dazu bewegt werden, neue Wege zu gehen und konventionelle Denkmuster zu durchbrechen.

Nachfolgend findet ihr zahlreiche interessante Beiträge rund um das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf:

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