Familienleben Kolumne

Eines Besseren belehrt – einmal mehr

Das Wandern ist „Der Angelones“ Lust!

Bekanntlich tendieren Menschen dazu, die Vergangenheit zu glorifizieren. Insbesondere Eltern tun das. Sie beschönigen bestimmte Sachverhalte mit dem Ziel, negative Erlebnisse aus ihren Köpfen zu verdrängen. Je weiter die Vergangenheit zurück liegt, umso mehr wird sie verherrlicht. Deshalb sind ja Grosseltern auch Weltmeister im Beschönigen.

Nun gibt es aber auch die vorwärtsgerichtete Glorifizierung, bei welcher mögliche negative Folgen unseres künftigen Handelns negiert werden, selbst dann, wenn wir es aus eigener Erfahrung wirklich besser wüssten. Und umso weiter in der Zukunft entfernt unser Vorhaben liegt, umso mehr verherrlichen wir das erwartete Ereignis.

So geschehen am Samstag. Seit Wochen freuten sich das Familienoberhaupt und ich auf unseren Familienausflug nach Bern. Mit dem Zug. Natürlich würden die Buben die Fahrt geniessen, ruhig auf ihren Plätzen sitzen, neugierig aus dem Fenster schauen, interessiert Fragen stellen, viel lernen, ein feines Gipfeli geniessen und sich für den besonderen Trip auch dankbar zeigen. Und natürlich würden das Familienoberhaupt und ich genüsslich an unseren feinen Cappuccini nippen, in der Zeitung lesen, die Kinderfragen ruhig und intelligent beantworten und uns immer wieder verliebt in die Augen schauen – voller Stolz, so eine herzige Familie zu sein, die da im Zug nach Bern sitzt.

Stattdessen wurden die Cappuccini eiligst geext, während die Zeitung unberührt blieb. Derweil wir mit Jacken und Schuhen an- und ausziehen, Wasser reichen, Nasen putzen, Gipfeli anbieten, Brosamen wischen, Hände putzen, Fragen beantworten, Sonnenbrillen auf- und absetzen, Tickets hervor kramen und mit Zurechtweisungen beschäftigt waren.

Weshalb wohl heisst es: „Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben“? Weil Eltern so viel verherrlichen können, wie sie wollen – die Realität mit Kindern ist einfach oft nicht wirklich herrlich.

mittwochs immer im Tagblatt der Stadt Zürich

Stellen Sie sich auch immer wieder vor, wie schön etwas mit der Familie sein kann und werden dann enttäuscht, dass es eigentlich ein Murks war?

Dies koennte dir ebenfalls gefallen

17 Kommentare

  • Lorelai
    5. Oktober 2011 at 11:43

    Das kenne ich nur zu gut! Oft genug hatte ich von Ferien oder Ausflügen im Voraus ein total harmonisches Familienbild im Kopf. Es kam NIE so 😉

  • Nicole
    5. Oktober 2011 at 11:55

    Ja, das stimmt. Gerade Ausflüge, Ferien und Feste stellt man sich halt so bilderbuchhaft vor….. Umgekehrt ist es mir aber auch schon oft so gegangen, dass es irgendwo viel schöner war, als ich dachte. Und daher versuche ich ganz fest, nicht mit grossen Erwartungen in was reinzugehen, sondern einfach neugierig und offen. So wird es eher „normal“ oder eben „überraschend gut“.

  • Rita Angelone
    5. Oktober 2011 at 14:03

    @Lorelai: …ich weiss. Und ich bin halt so eine „Romantikerin“ und tappe jedes Mal in dieselbe Falle…

  • Rita Angelone
    5. Oktober 2011 at 14:04

    @Nicole: ja, auch das umgekehrte ist schon mal vorgekommen – ich glaub so ein oder zweimal…. 🙂

  • Katharina
    5. Oktober 2011 at 17:42

    Schöne Kolumne, du wirst immer besser 🙂
    (also wenn du DAS eine Schreibblockade nennst, dann weiss ich nicht, was ich die meiste Zeit über habe 😉 )

  • Rita Angelone
    5. Oktober 2011 at 18:08

    @Katharina: Von dir ein Kompliment zu erhalten, macht mich sehr stolz – danke! Ja, es war eine üble Schreibblockade letzten Montag. Aber dann, dann ist es plötzlich gelaufen wie am Schnürchen – ich hatte ja auch das Messer am Hals…

  • Nicole
    5. Oktober 2011 at 18:10

    Ui, ist da jemand gerade etwas frustriert? Kam die Schreibblockade deswegen oder kommt der Frust von der Schreibblockade?
    😉

  • Rita Angelone
    5. Oktober 2011 at 18:20

    @Nicole: Am Montag war ich schon etwas frustriert, ja. Und zwar schaute ich aufs vergangene Wochenende zurück und fragte mich, ob es nicht besser wäre, einfach gar nichts besonderes mehr mit den Kindern zu machen, da das Besondere nur grad ein paar Augenblicke lang besonders ist und dann, dann finden sie ja schon wieder: Und was kommt als nächstes? Drum. Und immer ist es wieder Montag und dann ist wieder Freitag und man ist so voller Pläne und voller Freude und dann ist grad wieder Montag. Und das geht immer weiter so. Wie in einem Hamsterrad. Und ich dachte dann so, soll ich überhaupt weiter Kolumnen schreiben und immer klagen? Oder soll ich einfach auch lügen, wie andere, und so tun als hätten wir ein uh lässiges Wochenende gehabt? Und am Schluss habe ich mich für die Wahrheit entschieden und drum gings ja dann auch so schnell. Aber jetzt bin ich wieder glücklich. Heute ist nämlich Mittwoch und ich arbeite den Resten der Woche nicht mehr. Und ich freue mich, gaaaaanz viele Sachen mit den Buben machen zu können… das wird bestimmt uh lässig.. 😉

  • Rita Angelone
    5. Oktober 2011 at 19:21

    @Nicole UND Katharina: ähm, ich glaub, ich war gar nicht gemeint damit, sondern Kat….. jänu

  • Nicole
    5. Oktober 2011 at 19:41

    @Rita: Nein, eigentlich hatte ich schon dich gemeint.
    @Kat: Wobei ich bei dir gerade auch ein kleines bisschen Frust erkenne…. 😉 Knuddel!

  • SomeintPhia
    6. Oktober 2011 at 08:09

    Das Besondere meldet sich dann, wenn nichts besonderes angekündigt ist. So ist es mit dem besonderen Besonderen, manchmal launisch zickisch und dann wieder überraschend anders, eben besonders!

    Nicht ohne Grund wird die Vorfreude als schönste Freude betitelt. Nimmt man die (oft zu hohen)Erwartungen raus, wirds besonders .. 😉

    Wir waren gestern mit der Kleinen zur Feier des Tages auswärts essen. Diesmal wollte sie partout nicht still sitzen, doch das nächste Mal wird dies sicher wieder bestens klappen. So kommt’s wie’s kommt.

  • Bionic Hobbit
    6. Oktober 2011 at 10:24

    Rita, ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn Du mal Dampf ablässt. Habe ich ja kürzlich auch mit meinem Kommentar über meinen Kindsgi Weg… Ich jedenfalls fühle mich immer besser, wenn jemand mal jammert, denn dann weiss ich, dass es anderen auch so geht. Danke für die Ehrlichkeit! Ich habe allerdings, was die Freizeit mit den Kids angeht, schon längst gelernt, meine Erwartungen sehr tief anzusetzen. Wo ich immer noch zu hoch bin, ist bei den Tischmanieren und bei der Sauberkeit… 😉

  • Rita Angelone
    6. Oktober 2011 at 11:08

    @Bionic: … Tischmanieren und Sauberkeit??? Manchmal komme ich mir vor wie in einem Schweinstall…. im ernst.

  • Rita Angelone
    6. Oktober 2011 at 11:10

    @SomeintPhia: ja, auch die Redewendung „Vorfreude ist die schönste Freude“ hat sehr wohl ihren Sinn!

  • Gaby
    6. Oktober 2011 at 14:10

    Mein Mann stellt auch immer so hohe Ansprüche an ein „harmonisches“ Sein… und ist dann sooo schwer enttäuscht, wenns halt IRL dann wieder in Streitereien, Unordnung, Gezanke oder Generve ausartet. Für mich, die den Familienalltag halt immer (er-)lebt, ists halt einfach der ganz normale Wahnsinn mit Kindern ;-).
    Aber: wie langweilig wäre unser aller Leben ohne Nachwuchs???? Wir müssten schauen, wie wir unsere Geldberge irgendwie losbringen könnten, hätten poorentiefe Reinheit daheim, alles wäre aufgeräumt, niemand fällt über ein Lego, Znacht gibts dann, wenn man Hunger hat…..
    Aber auch keine wunderprächtig mit selbstgemalten Bilder tapezierten Kühlschränke, keine Schmierküsse und das 100 x am Tag, kein „Mamiichhadisoooogärn“ und kein Beobachten von schlafenden Engeln in der Nacht… Nein, nein, darauf will ich nie verzichten :-))!!!

  • Katharina
    6. Oktober 2011 at 16:04

    Och, ich glaub‘, ich initiiere einfach eine Runde Gruppenknuddlen:

    (((knuuuuuuuuuuuuuuuddelllll)))

    (Phia, das hast du schön ausgedrückt)

    Mit dem Kurzen liegt das Besondere im Kleinen: Eine Schnecke, ein Tannzapfen, die Wellen im Wasser nachdem man einen Stein geworfen hat… Ich hoffe, es hält noch lange, lange, lange an.
    Wir sind schon von Haus aus nicht so die „Ausflugsmenschen“ aber mir ging auch schon die Frage durch den Kopf, ob wir zuwenig unternehmen mit unserem Kurzen. Andere Mütter von Gleichaltrigen sind ständig auf Achse und zwischendurch fegt die ketzerische Frage durch den Kopf, ob man seinem Kind etwas vorenthält, wenn es mit Zwei noch nicht mal im Europapark war. Dann aber sage ich mir: Ich bin Vierzig und war auch noch nie im Europapark… 😉
    Wie soll man sich denn noch steigern können, wenn man mit Zwei schon alles gesehen hat?

  • Rita Angelone
    6. Oktober 2011 at 17:36

    @Katharina: Wir waren weder im Europapark, noch sind wir bisher irgendwo hin geflogen, mit dem Zug nach Bern sind wir zum 1. Mal gefahren etc. etc. etc. Unser Ausflugsradius beträgt ein paar wenige Meter bis Kilomenter. Der Grosse ist schon 5 und ich finde, er hat noch gar rein nichts verpasst. Ja, im Vergleich zu anderen denke ich manchmal, dass meine Kindern schon noch etwas hinter dem Mond leben, aber das finde ich ehrlich gesagt gut so. Tannzapfenwerfen im Wald oder Steine schmeissen in die Limmat macht ihnen jedenfalls immer noch so viel Freude, dass ich drum nicht einmal in den Zoo gehe. Und der wäre ja weiss Gott nah…

Hinterlasse eine Nachricht

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.