Familienleben Kolumne

Die Unendlichkeit im Zeitraffer

Durchwachte Nächte Händchen haltend neben dem Kinderbett und auf der Chrabbeldecke verbrachte, nie enden wollende Tage mit Babies, die zu nichts mehr fähig sind, als auf dem Rücken zu liegen, kamen für mich als Mutter dem Gefühl von Unendlichkeit sehr nahe.

Während des Kleinkindalters meiner Buben schien die Zeit häufig still zu stehen. In diesem Zustand der Starre war ich oft der Überzeugung, dass es kein Morgen geben würde, kein Licht am Ende des Tunnels – zumindest nicht in einer für mich absehbaren oder gar erlebbaren Zeit. Niemals würden meine Babies lernen durchzuschlafen, zu laufen, anständig zu essen, geschweige denn selbstständig zu spielen und mich für einen kurzen Augenblick  in Ruhe zu lassen.

Aber plötzlich standen meine Buben auf, liefen, sprangen, balancierten auf ihren Laufrädern und fahren nun Trottinetts und Velos. Sie begannen, auf Bäume zu klettern, lernten Ski zu fahren und Fussball zu spielen und brauchen zum Schwimmen nun keine Flügeli mehr. Sie schliefen irgendwann mal durch, wurden trocken und putzen sich heute die Zähne (und hoffentlich schon bald auch ihre Fudis) selber. Sie lernten reden, zeichnen, basteln und können heute sogar mit Messer und Gabel hantieren. Sie trotzen fast nicht mehr, werden langsam vernünftig und entwickeln ihre ganz eigene Persönlichkeit. Sie schiessen in die Höhe, ihr Babyspeck verschwindet und ihre unter Schmerzen hervorgebrachten Milchzähne fallen bereits wieder aus.

Hatte ich nicht erst grad die Eingewöhnungsphase in der Krippe durchzustehen, die ersten Abnabelungsversuche zu verdauen? Wie kam es, dass der grosse bereits sein erstes Kindergartenjahr erfolgreich absolviert hat, alleine und furchtlos seinen Weg geht, an seinen freien Nachmittagen mit seinen Freunden abmacht und der Kleine ungeduldig seinem eigenen Eintritt in den Kindergarten, in eine neue Ära seiner Kindheit entgegen fiebert?

Wie im Zeitraffer lasse ich die letzten sechs Jahre immer wieder aufs Neue Revue passieren. Nie verging die Zeit schneller.

mittwochs immer im Tagblatt der Stadt Zürich

Kennt Ihr dieses Gefühl? Gehts Euch auch so?

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12 Kommentare

  • Eveline
    23. Mai 2012 at 07:58

    Ich habe gerade just gestern Nacht meinem 31 Monatigem Sohn beim schlafen zugeschaut. Ein Wunder! Er kann es! Diese Erkenntniss und deine passenden Worte, heute Morgen, lassen mich das zweite Baby welches diesen September folgt, cooler angehen. Ich weiss jetzt. Es ist alles nur eine Phase und egal wie aussichtslos die Situation scheint und das Bedürfniss aus dem Kellerfenster zu springen gross ist. Sie lernen es… und werden „allwäg“ sauschnell zwanzig!

  • Katharina von Mama hat jetzt keine Zeit
    23. Mai 2012 at 08:04

    Sie lassen eine kaum innehalten, gell.
    Und wir würden am liebsten jeden Moment konservieren – und sie gehen einfach einen Schritt weiter, ohne zu fragen, ohne zurück zu blicken. Das überlassen sie uns. Ist auch gut so, sonst würden wir nie die Personen kennen lernen, die sie mal werden.

  • Nicole
    23. Mai 2012 at 08:29

    Ja, die Zeit verfliegt! Und gerade jetzt, wo wir ein paar Tage lang nur Nando zuhause haben und eine sehr friedliche Zeit geniessen, während Carmen mit ihren Flausen Oma und Opa beschäftigt, merke ich, wie froh ich grad‘ bin, wenn die aktuelle Phase des Trotzens bei Carmen dann hoffentlich bald mal weg ist oder zumindest abflacht. Und dann werde ich die Zeit einfrieren, denn die Sorgen um die Kinder in der Schul- und Jugendzeit machen mir mehr Sorgen als die Baby- und Kleinkindzeit….

  • Rita Angelone
    23. Mai 2012 at 09:10

    @Eveline: Jö, ich weiss, was du meinst! Und ja, freu dich auf das zweite Kind. Es wird streng, aber wie du sagst – es sind alles Phasen. Ich wünsche dir jetzt schon alles, alles Gute!

  • Rita Angelone
    23. Mai 2012 at 09:11

    @Katharina: Kinder sind vorwärtsgerichtet. Das denke ich so oft. Und das ist gut so. Und wir, wir schauen zurück, machen uns unsere Gedanken. Und es ist gut, dass uns Kinder „zwingen“, auch vorwärts zu schauen!

  • Rita Angelone
    23. Mai 2012 at 09:12

    @Nicole: Der blöde Spruch „kleine Kinder, kleine Sorgen, grosse Kinder, grosse Sorgen“ hat vermutlich etwas. Und ich freue mich nicht wirklich auf die nächsten Jahre im Moment. Ich würde am liebsten alles einfrieren.

  • Nicole
    23. Mai 2012 at 09:20

    @Rita: Ja, an deiner Stelle würde ich wohl auch direkt nach dem Umzug ins umgebaute Heim dann alles einfrieren wollen. Ich warte da jetzt wie gesagt noch damit, bis die Trotzphase von Carmen etwas abgeklungen ist…. 😉

  • Nicole
    23. Mai 2012 at 09:21

    Und wegen den grossen Sorgen: Ich gucke da immer zu den Kids meiner Schwester und hoffe, dass unsere sich auch so entwickeln. Dann kann ich beruhigt sein!

  • Bionic Hobbit
    23. Mai 2012 at 10:00

    @Nicole: ich gucke zu den Mädchen meiner Schwägerin und hoffe, dass die auch mal so richtig schwierig werden! Harhar… :-@

  • SomeintPhia
    23. Mai 2012 at 10:13

    … die Kleine (22 Mte) wollte um 0:00 Uhr partout nicht mehr schlafen, da half auch ein Becker Wasser zum Trinken nicht mehr. So kam sie dann – ausnahmsweise – zu uns und war innert Kürze im Träumliland .. erst war sie noch klein und unselbständig und jetzt ist sie schon (fast) „ein Persönchen … 😉

  • Rita Angelone
    23. Mai 2012 at 10:20

    @SomeintPhia: jööö – sie ist ja immer noch so klein…. (aus meiner Sicht!)

  • Lorelai
    23. Mai 2012 at 12:00

    Ein schöner Beitrag! Ich bin noch in der ersten Phase und plange obwohl ich weiß dass die Zeit nie mehr wiederkehrt und ich sie vermissen werde. Nicht umsonst sagen alle man solle sie genießen, jede Phase hat was Schönes, die Sorgen werden nicht weniger, nur anders

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