Familienleben Kolumne

Kinderfreundliche Gesellschaft?

Alte Kinderspiele neu entdeckt

Dass unsere Gesellschaft nicht sehr kinderfreundlich ist, erkennt man nicht nur daran, dass wer gediegen ein Cüpli trinkt, den Anblick einer stillenden Frau nicht erträgt.

Spätestens nach der Entlassung aus dem Wochenbett realisiert man als Frau nämlich, dass man mit Kind neu zu einer ganz speziellen Gesellschaftsgruppe gehört, die wenn irgendwie möglich verdrängt und ignoriert oder aber notgedrungen und verstohlen zu anderen, nicht aber minder vernachlässigten und diskriminierten Gruppen dazu gezählt wird.

So sucht man beispielsweise als ungeübte Neulenkerin eines Kinderwagens vielenorts erfolglos nach einem Piktogramm, das auf einen Kinderwagen freundlichen Auf- oder Durchgang hinweist. Erst nach und nach realisiert man, dass man in dieser Frage selbstredend zur Gruppe der Menschen mit einer Behinderung gehört und dass man sich entsprechend auf das Symbol mit dem Rollstuhl achten sollte. Ausser bei der Parkplatzsuche natürlich.

Besucht man als frischgebackene Mutter erstmals die Mütterberatung, sucht man vergebens nach einer halbwegs offiziellen und repräsentativen Lokalität. Auch in diesem Fall stellt man überrascht fest, dass Frauen mit Kindern stillschweigend der Gruppe älterer Menschen zugewiesen werden und ihre Beratung halb im Versteckten in einem provisorisch umfunktionierten Zimmer eines Altersheimes stattfindet.

Freut man sich später auf die erste Lektion Babyschwimmen, stellt sich spätestens dann Ernüchterung ein, wenn man das 5 x 5 Meter kleine Wasserbecken sieht, wo sonst Physiotherapie und Krankengymnastik betrieben wird.

Und beim Gang zur Babymassage nimmt man konsterniert zur Kenntnis, dass diese in einem ungemütlichen und kalten Raum im Untergeschoss stattfindet, der normalerweise als Materiallager dient.

Wenn also Schwangerschaft keine Krankheit ist, wie es im Volksmund so schön heisst, wieso behandelt man Frauen mit Kindern dann wie Aussätzige?

mittwochs immer im Tagblatt der Stadt Zürich

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7 Kommentare

  • Susan
    1. Dezember 2010 at 18:35

    Ein traum für kleine und grosse kinder 🙂
    Da möchte man selber nochmals kind sein *g
    Ich wünsch Dir einen schönen 1. Dez. 😉
    Lg Susan

  • Max Hallauer
    1. Dezember 2010 at 20:18

    Guten Morgen Frau Angelone

    Mit Interesse lese ich gerne Ihre „Ansichten“.
    Was Sie aber heute Morgen geschrieben haben scheint mir nun doch „zu weit“ zu gehen.

    Alte, Kranke und Behinderte mit Aussätzigen gleich zu setzen ist wohl zu viel der Beschimpfung.
    Sie sind eine glückliche Familienfrau und haben erst noch die Möglichkeit, sich wöchentlich alles in der Öffentlichkeit von der Seele zu schreiben. Ich meine, dass es nämlich an Ihnen (wie sagen Sie?) der „nicht „Aussätzigen“ und uns allen liegen könnte, die Denkweise um zu kehren und all das was Sie hier als so schlimm erkennen – als eine gute Möglichkeit für ein würdevolles Zusammenleben zu sehen. (auch mit all den Aussätzigen Alten – Behinderten und Kranke)
    Vielleicht wäre es gut, wenn Sie einmal nur je eine Woche lang in einem Altersheim, einer Einrichtung oder Schule für Behinderte oder einem Spital arbeiten könnten. -Die Alten (sie waren einmal Eltern und sind auch Gross- und Urgrosseltern) werden Ihnen gerne die Kinder betreuen.- Dann werden Sie erleben, wie bereichernd der Umgang mit all diesen (!) Menschen sein kann. Und das nimmt dann vielleicht auch für Sie den „Schrecken“ des Rollstuhlsymbols.

    Ich wünsche Ihnen in dieser doch für uns alle schöne Adventzeit viel Besinnliches und gute Erlebnise.

    Mit freundlichen Grüssen

    Max Hallauer – Mager

  • Was sucht ein Schützenpanzer im Bus? | Mama hat jetzt keine Zeit…
    1. Dezember 2010 at 22:54

    […] Rita, dein heutiges Adventskalenderblog war eine so steile Vorlage, dass ich sie beim besten Willen nicht unkommentiert lassen […]

  • Niklaus Zumthür
    2. Dezember 2010 at 14:32

    Sehr geehrte Frau Angelone

    Ich möchte mich Herrn Hallauer anschliessen. Behinderte mit Aussätzigen gleich zu setzen, geht entschieden zu weit.

    Freundliche Grüsse

    N. Zumthür

  • Katharina Bleuer
    2. Dezember 2010 at 16:41

    „Wie Aussätzige“ finde ich auch leicht übertrieben. Ich bin der Überzeugung, dass auch das – wie sonst alles im Leben – Geben und Nehmen ist. Ich meine damit nicht, dass Mütter mit Kindern nirgends auf Ablehnung stossen oder gar „selber schuld“ wären, wo sie es tun.
    Als ehemalige Serviertochter finde ich Kinderwagen in Beizen auch nicht berauschend, stoggelt man doch als Serviererin ständig darüber und blockieren sie die Durchgänge. Da gebietet es mir als Mutter schon die Höflichkeit, das Ding im Eingangsbereich stehen zu lassen bzw. die Servierin zu fragen, wo es wohl am wenigsten Störe.
    Das selbe mit dem Wickeln. Es ist keine Notwendigkeit, sein Baby im Gastraum zu wickeln, auch dann nicht, wenn in den Toiletten keine Wickelkommode zur Verfügung steht. Die Bedienung hilft sicher gerne weiter, wenn man sie fragt, wo man denn schnell wickeln könnte. So wurde ich sogar einmal freundlich in den Privatbereich einer Wirtin gelotst, wo sie mir ihren ureigensten Wickeltisch – den von ihrem eigenen Baby – zur Verfügung stellte.
    Auf- und Durchgänge für Kinderwagen: Wer braucht schon Kinderwagen? 🙂 Da erscheint es mir nur logisch – und mitnichten diskriminierend – Rollstuhlrampen, Lifte u.ä. zu benutzen. Positiv daran ist, dass man für einmal auch als „Fussgängerin“ mitbekommt, was gewisse Städte unter „Barrierefreiheit“ verstehen 🙁
    Was noch? Ah ja, das Babyschwimmen: Baby dankt es ganz sicher, im 37° warmen Wasser des Physio-Beckens dümpeln zu können statt im 30° Becken der Grossen!

  • Andrea Mordasini, Bern
    4. Dezember 2010 at 21:23

    Liebe Frau Angelone :-)!

    Kranke, Lahme und Behinderte mit Aussätzigen zu vergleichen, sorry, das geht nun wirklich zu weit!

    Als Mutter zweier Kleinkinder (3.5 und 2) machte und mache ich bis jetzt (fast) nur positive und schöne Erfahrungen – im Restaurant mit Kind und Kegel (auch während der Stillzeit!) oder im ÖV (auch zu Stosszeiten) :-)!

    Ich erlebe Bern als sehr kinderfreundlich. So wird mir auch zu Stosszeiten ungefragt Hilfe angeboten beim Ein- und Aussteigen. Dank der neuen modernen Niederflurtrams kommt man jedoch auch ohne fremde Hilfe hinein und raus bzw. ans Ziel ;-). Zudem habe ich einen der schmalsten Kinderwagen überhaupt bzw. bin ich meistens mit dem schmalen und klappbaren Reisebuggy unterwegs. Besonders zu empfehlen sind Tragetücher oder Tragehilfen, es gibt meiner Meinung nichts Praktischeres für unterwegs! Leider fühlt sich meine Tochter (2) darin nicht mehr sehr wohl…

    Es ist, wie Katharina, treffend geschrieben hat, ein Geben und ein Nehmen! Ein freundliches Entschuldiung, eine nettes Fragen und einem wird geholfen bzw. Platz gemacht im bereits überfüllten Bus/Tram, Restaurant oder wo auch immer ;-).

    Nur Mut – es funktioniert, zumindest hier in Bern :-)! Mit etwas mehr Toleranz, Rücksicht, gesundem Menschenverstand, Lockerheit, etwas mehr Mit- und Füreinander statt Gegeneinander auf Seiten der Eltern UND der Kinderlosen steht einem friedlichen, harmonischen und entspanntem Zusammenleben nichts mehr Im Wege 🙂

    In diesem Sinne wünsche ich allen Müttern und Vätern mit ihren Kindern in dieser zeitweilen hektischen „heiligen Zeit“ neben guten Nerven eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit :-)!

    Alles Gute und liebe Grüsse

    Andrea Mordasini, Bern

  • Miroslava Jirucha
    5. Dezember 2010 at 16:07

    Die Behinderten und die Mütter.
    An Rita Angelone.
    Sie finden, dass unsere Gesellschaft nicht sehr kinderfreundlich ist, ich meine das Gegenteil. Kinder dürfen alles (die sind doch sooo herzig..), alles ist erlaubt, ob durch den ganzen Tram rennen (mit Geschrei), trampeln mit schmutzigen Schuhen auf den Sitzplätzen, mit Glacé die Umgebung verschmutzen. Nie habe ich bis jetzt gehört, eine Mutter die Kinder zu mässigen. Draussen muss man zur Seite springen, denn die Kinder brauchen den ganzen Weg für sich. Auch habe ich nie gehört, die Mutter zu sagen, die Kinder mögen zur Seite gehen, damit auch andere Leute spazieren können. Und wenn sich ein Erwachsener erlaubt etwas zu sagen (geschieht fast nie), bekommt man von der Mutter eine freche Antwort.
    Was Sie sonst beschreiben, grenzt schon an Blödsinn. 5×5 grosses Wasserbecken hat Platz für viele kleine Babies. Haben die Babies überhaupt Spass daran? Ich glaube, dies bringt mehr Spass für die Mammis. Für das Baby wäre genug, in der Badewanne zu Hause ein bisschen zu plantschen.
    Wegen Babymassage finde ich keine Worte, die man nicht als Beleidigung auslegen könnte.
    Dass das Stillen nicht ins Restaurant gehört, begreifen manche Frauen nicht, denn ihre Privatsphäre kennen sie nicht, oder wollen sie sie in Schau stellen(Big Brother?).
    Das Stillen ist die natürlichste Sache der Welt, genauso wie das Zeugen der Kinder und wird dort erledigt, wo es sich gehört.
    Vielleicht sollte man den Sommer abwarten, wenn die natürlichste Sache der Welt in der Badeanstalt getrieben wird? Immerhin ist der Rasen schön gepflegt.

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