Familienleben Kolumne

Der (un)mündige Patient

"Soll mir einer sagen, wie ich so gesund werden kann..."

Heutzutage krank zu sein, ist nicht mehr, was es einmal war. Fühlt man sich unwohl, traut man sich kaum, etwas zu sagen, geschweige denn, zum Arzt zu gehen. Zu Hause herrscht die Gefahr, des Kinderabschiebens verdächtigt zu werden und im Büro besteht das Risiko, als Simulant taxiert zu werden und gesellschaftlich betrachtet, will man die Krankheitskosten auch nicht weiter ankurbeln. Schliesslich wurde man schon darauf aufmerksam gemacht, den einstmals für jährlich notwendig gehaltenen Krebsabstrich nur noch alle drei Jahre zu machen, da die Krankenkasse mit dem Nichtbezahlen der präventiven Untersuchung droht.

Also ignoriert man die ersten Anzeichen von Krankheitssymptomen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Nach unnützen Selbstmedikationsversuchen muss man aber doch kapitulieren und den Arzt aufsuchen.

Während man auf die Analyse der Blutwerte wartet, kriegt man es mit der Angst zu tun, die anfänglich für eine Bagatelle gehaltenen Symptome könnten doch Anzeichen einer ernsten Erkrankung sein und man bereut, so lange eine falsch verstandene Tapferkeit an den Tag gelegt zu haben.

Ins gleiche Horn bläst dann auch der Arzt, der rügt, weshalb man so lange gewartet hätte, bis das Immunsystem beinahe kollabiert wäre. Während einem die Leviten vorgelesen werden, erinnert man sich an ein Aufklärungsplakat, das auf die Gebärmutterkrebsprävention hinwies, die auf regelmässige JÄHRLICH (!) stattfindenden Vorsorgeuntersuchungen basiert. Soll mir einer sagen, wann man nun genau zum Arzt soll.

Spätestens dann, wenn man nach Hause geschickt wird mit der Empfehlung, sich vermehrt Ruhe zu gönnen und sich selber Sorge zu tragen, fragt man sich, weshalb man den Arzt überhaupt aufgesucht hat. Denn diese Diagnose hätte man auch gleich selber stellen können. Ganz abgesehen davon, dass es dafür weder ein durchsetzungsfähiges Rezept noch eine nachhaltig wirkende Therapie gibt.

mittwochs immer im Tagblatt der Stadt Zürich

Lesen Sie auch „Auf die Dosis kommt es an“ und „Lesen Sie die Packungsbeilage

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