Familienleben Kolumne

Der Schein trügt

Bretter, die die Welt bedeuten

Casting-Shows zeigen uns immer wieder: oft verbergen sich Talente da, wo man sie am wenigsten vermutet. Wie zum Beispiel der Handyverkäufer Paul Pott, der 2007„Britain’s Got Talent“ und die Herzen von Millionen auf der ganzen Welt gewonnen hat. Oder seine Nachfolgerin Susan Boyle, die es ihm gleich machte. Immer wieder werden wir durch Vorurteile – und seien sie noch so leise – irregeführt und sind genau deshalb derart überrascht, dass sich hinter unschönen Zähnen oder einer nicht modelmässigen Figur eine ganz besondere Gabe verbergen kann. Ein ähnliches Beispiel haben wir wohl alle mit dem „Singing Postman“ aus „The Voice“ erlebt.  Oder weshalb wohl waren wir so überrascht, dass ein unscheinbarer Aargauer Pöstler derart gut singen kann?

Ähnliches ist mir kürzlich passiert, als ich mir – während die Buben in der Turnhalle Fussball spielten – die Wartezeit mit einem Small-Talk mit dem Schulhauswart verkürzen wollte. Einem Schulhauswart mit ausländischen Wurzeln, notabene.

Plötzlich erzählte mir dieser von Youtube und wie er sich da abends die Weisheiten von Thales zu Gemüte führe. Trotz unzähliger Schuljahre auf dem Buckel brauchte ich lange, um zu begreifen, um wahrhaben zu wollen, dass dieser Schulhauswart mit dem aufgeweckten Blick, der mich so sehr an meinen Vater erinnert, über DEN Thales von Milet sprach, diesen antiken griechieschen Philosophen und Mathematiker. Und nicht genug der Überraschung: er zitierte mir die Sprüche wie aus dem FF, die er im übrigen auf englisch lese!

Wie der Schein doch trügen kann! Dabei sollte ich es besser wissen, habe ich doch einen solch unscheinbaren Vater, dem man als ewigen Hilfsarbeiter nie gegeben hätte, dass er so klug und so viel über Geschichte weiss.

So schenke ich dem philosophierenden Schulhauswart folgendes Thales-Zitat: „Alle Dinge sind beseelt.“ Auch solche, denen man es nicht auf Anhieb ansieht!

immer mittwochs im Tagblatt der Stadt Zürich

Seid Ihr auch schon einmal auf ähnliche Art und Weise überrascht worden? Habt Ihr auch schon ungeahnte Talente entdeckt? Welche und bei wem denn?

Dies koennte dir ebenfalls gefallen

7 Kommentare

  • Nicole
    10. April 2013 at 06:44

    Ich finde, dass man, wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, immer wieder versteckte Talente bei anderen Menschen und auch bei sich selber sieht. Bzw. muss man wohl, gemäss Antoine de Saint-Exupéry, eher mit dem Herzen schauen, da ja die Augen das Wesentliche nicht sehen.

  • Papa
    10. April 2013 at 08:17

    Das ist es, was ich glaube und auch meinen Kindern zu vermitteln suche: Jeder Mensch, aber auch wirklich jeder, kann irgend etwas besser als ich. Und das ist Grund genug, um den Menschen mit Respekt zu begegnen.

  • var13
    10. April 2013 at 09:21

    @ Nicole & Papa: wunderschön!
    @ Rita Angelone: Darf ich Fragen warum Du es so wichtig findest zu betonen, dass der Abwart ausländischer Abstammung ist?

  • Rita Angelone
    10. April 2013 at 09:26

    @var13: weil ich esb besonders speziell finde, dass er als Grieche, der nicht ganz so gut deutsch kann, die Verse auf englisch liest

  • var13
    10. April 2013 at 11:54

    aah so 🙂

  • Bionic Hobbit
    10. April 2013 at 20:27

    Statt auf Altgriechisch??

  • Rita Angelone
    10. April 2013 at 21:40

    @Bionic: nein, natürlich nicht, doch Leute aus der Generation meines Vaters (und mit ähnlicher Herkunft) haben nun mal nicht einfach alle englisch gelernt in der Schule – und deshalb war ich auch überrascht.

Hinterlasse eine Nachricht

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.