Familienleben Kolumne

Das luxuriöse Warten

Den Begriff „Warteliste“ assoziierte ich bisher mit armen Ländern, wo man zum Teil auch auf grundlegende ärztliche Hilfe warten muss.

Nun fällt mir auf, dass es auch bei uns haufenweise Wartelisten gibt. Geht es mit uns also bergab? Im Gegenteil: Wir sind Teil einer verwöhnten Gesellschaft. Denn die Wartelisten, die ich meine, sind Lifestyle-Wartelisten. Und zwar nicht etwa Wartelisten für ein Essen im besten Restaurant oder eine Frisur beim besten Coiffeur, sondern für rudimentäre Familienangelegenheiten. Die Warteliste erwartet bereits die werdende Familie und bleibt zeitlebens ihr treuester Begleiter.

Um vom renommiertesten Frauenarzt und der besten Hebamme durch die Schwangerschaft begleitet zu werden, lässt man sich auf eine Warteliste setzen. Dasselbe gilt auch für die Reservation einer Wochenbettsuite in der besten Privatklinik, Kaiserschnitt inklusive. Es folgt die Warteliste für den besten Kinderarzt, Osteopathen und Cranio Sacral Therapeuten sowie für Babymassage, Babyschwimmen und PKIP-Kurs. Danach erfolgt der Eintrag auf die Wartelisten von Kinderkrippe, – garten und –hort und sicherheitshalber auch auf diejenige für sonderpädagogische Massnahmen. Ist das einmal geschafft, kann man relativ getrost in die Zukunft blicken, im Wissen, dass nun alles seinen geordneten und vor allem besten Lauf nehmen wird.

Naiven Menschen wie mir, die – wenn überhaupt – zuunterst auf den Wartelisten resultieren, bleibt nichts anderes übrig, als auch auf diesen Zug aufzuspringen, wollen sie nicht endgültig auf der Strecke bleiben.

So überlege ich mir, ob ich meine Buben bereits auf die Warteliste für den Fussballnachwuchs, die Gymi-Vorbereitungskurse und parallel dazu – sollte das Leben eine üble Wendung nehmen – für die RAV und die IV setzen lassen soll. Diejenige für eine Wohnung, einen Altersheim- und Friedhofplatz können sie ja dann selber ausfüllen.

mittwochs immer im Tagblatt der Stadt Zürich

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2 Kommentare

  • Lorelai
    6. Juli 2011 at 11:12

    Huch! Gut lebe ich auf dem Land, da ist der Frauenarzt seit der Pubertät der selbe, der Kinderarzt der selbe, der schon mich als Baby untersuchte und bis in die Pubertät begleitete und die Hebamme, die kann man sich nicht wirklich aussuchen. Kurse sind zwar auch relativ schnell voll, doch eigentlich hat man gute Chancen… Nur mit den Kitas sieht’s gleich aus. Da muss frau schon in der Schwangerschaft wissen, ob sie ihr Kind bald betreuen lassen will.

  • Rita Angelone
    6. Juli 2011 at 12:43

    Liebe Lorelai, ja auf dem Land sind gewisse „Lifestyle“-Probleme der Stadt bestimmt nicht vorhanden. Doch eben, die lieben Kitas, die sind auf dem Land gar noch dünner gesät….

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