Familienleben Kolumne

Da sind wir grad noch heilig

Wir dürfen jetzt nicht mehr streiten - wir haben jetzt schliesslich Freundschaftsbändeli gekauft.

Unsere Familiensprache und Erziehungsmethoden sind geprägt von der temperamentvollen und leidenschaftlichen südländischen Kultur. Bei uns wird nicht nur lauter und unverblümter diskutiert als bei Schweizer Familien üblich, sondern auch lauter und häufiger gelacht und geweint. Vor allem unsere „mediterranen“ Strategien zur Konfliktbewältigung können für „Nordländer“ bisweilen befremdend und „abnormal“ wirken.

Doch was „normal“ ist, entscheidet jede Kultur für sich selber. So fällt es mir dieses Jahr ganz besonders auf, dass in meinem Heimatland Eltern viel unzimperlicher mit ihren Kindern umgehen als in der Schweiz.

Spurt ein Kind nicht, fackelt hier keiner lange herum, sondern man greift sofort zur bei uns verpönten Methode der Drohung. Und zwar nicht etwa zur im Notfall akzeptablen Variante „du gehst ohne Znacht ins Bett“, sondern man fährt mit gröberem Geschütz auf und droht den Kindern, „dass sie von den Zigeunern entführt werden“. Überhaupt kommt bei jedem zweiten Schimpfen der „Schwarze Mann“, „das Monster“ oder der „Menschenfresser“ daher. Da kann der Schweizer Samichlaus grad einpacken.

Streckt ein Kind die Zunge raus, verzichten hiesige Eltern auf „das ist jetzt aber gar nicht lieb“ Floskeln, sondern greifen grad nach ihr und drohen, ihnen diese aus dem Mund zu reissen. Zurechtweisungen bekommen mit einem Handschlag auf den Hinterkopf den nötigen Nachdruck und bei so vielen „ti picchio“ – „ich haue dir eine“-, die hier Eltern tagein, tagaus aussprechen, käme man in der Schweiz wohl ins Gefängnis.

Und doch gibt es kaum ein Land, in dem Kinder einen so hohen Stellenwert haben und derart verwöhnt werden wie in Italien. Ist diese Zuckebrot und Peitsche-Erziehungsmethode nur schlecht? Mir sind jedenfalls Hunde, die bellen, aber nicht beissen sympathischer als der umgekehrte Fall. Ganz zu schweigen, dass ich mir hier wie eine Heilige vorkomme.

mittwochs immer im Tagblatt der Stadt Zürichi

Wie schweizerisch ist Ihre Kommunikations-, Erziehungs- und Streitkultur? Oder ist sie doch auch hie und da mal etwas südländisch angehaucht?

Lesen Sie unbedingt auch: Stille Wasser gründen tief

Dies koennte dir ebenfalls gefallen

2 Kommentare

  • Bionic Hobbit
    10. August 2011 at 11:20

    Bei uns wird es auch immer „italienischer“, aber auch das Drohen, Brüllen und der nachdrückliche Klaps auf den Hinterkopf nützen absolut nichts. Einzig Mamas Stimme hat sich schon zum dramatischen Mezzosoprano entwickelt. Keine südländischen Gene bei uns, garantiert.

  • Rita Angelone
    10. August 2011 at 12:22

    Liebe Bionic, ja, nützen tuts nicht mehr und nicht weniger… das ist so. Ich bin froh zu hören, dass sich auch bei Euch die Kulturen vermischen… und ich nicht die einzige bin. die immer mehr wie ein Dinosaurier brüllt…

Hinterlasse eine Nachricht

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.