Familienleben Kolumne

Alles ist endlich

Sterben, Tod und Endlichkeit

Da sitzt man frühmorgens noch schlaftrunken am Familientisch und überlegt sich, welchen Berg an Aufgaben man an diesem Tag noch bewältigen und welche wichtigen Termine man unbedingt einhalten sollte, und dann kommt er – dieser Anruf, der aufgrund der ausserordentlich frühen Tageszeit nichts Gutes verheissen kann. Seit jeher hasse ich das Telefon, weil es einen unvermittelt vor Tatsachen stellt. Vor allem früher, als man nicht einmal wusste, wer am anderen Ende der Leitung war.

Der Blick aufs Handy-Display schlägt mir direkt auf den Magen, die ersten paar Worte, die ich von meiner Mutter vernehme, lassen mich zwar kurz erleichtert aufatmen, um mich darauf aber umso trauriger zu stimmen: Die Todesnachricht aus dem engsten Familienkreis lässt meine Welt einmal mehr stillstehen, all meine nun banal erscheinenden Aufgaben und Termine vergessen und katapultiert mich schmerzlich fünf Jahre zurück, als mein Vater starb.

Mein lieber Onkel war der jüngste Bub des sechsköpfigen Angelone-Clans, mein um zehn Jahre älterer Vater war der Erstgeborene. Diese Rangordnung führte dazu, dass mein Vater auch für ihn eine Vaterfigur war, insbesondere in der Zeit, als die Angelone-Brüder alle gemeinsam in die Schweiz emigrierten. Die innige Verbundenheit und der starke Zusammenhalt, den sie alle zeitlebens untereinander pflegten, haben mein Verhältnis zu meinen Onkeln sowie mein Verständnis von Familie sehr geprägt.

Nun ist auch mein jüngster Onkel meinem Vater in den Himmel gefolgt. Ein weiteres Kapitel der Angelone-Saga ist damit fertig geschrieben. Immer deutlicher wird mir bewusst, dass sich die Generationenfolge unaufhaltsam verändert. Und immer bitterer ist die damit verbundene Erkenntnis meiner eigenen Endlichkeit.

Beschäftigt euch der Gedanke an die eigene Endlichkeit auch?

mittwochs im Tagblatt der Stadt Zürich

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